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Das ungeahnte Bühnenpotential von Staudensellerie, Kaffeemühle und Chinastäbchen

Die Geräuschemacherin Mareike Trillhaas im Gespräch mit Maila von Haussen

Maila von Haussen: Dieses Jahr hat sich das Landestheater ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk für kleine und große Menschen, die gerne lachen, ausgedacht: „Der liebe Herr Teufel“ nach dem Kinderbuch von Christine Nöstlinger ist als Filmische Lesung mit der Geräuschemacherin Mareike Trillhaas vom 24. Dezember 2020 bis 31. Januar 2021 auf unserer Webseite zu erleben. Wie kommen die Geräusche ins Spiel?

Mareike Trillhaas: Die Geräusche sind hauptsächlich dazu da, alles, was die Figuren anstellen, akustisch zu verdeutlichen: ob die schlafen, sich hinsetzen, etwas auf den Tisch stellen, eine Tür zuschlagen – alles, was irgendwie Geräusche machen kann, versuche ich mitzuklappern oder auch Atmosphären herzustellen. Es ist ein außerordentlich akustischer Text, da passiert eine Menge, was auch akustisch beschrieben wird, das macht es natürlich leicht, herauszufinden, wozu man Geräusche machen kann.

MvH: Was ist denn so zu hören?

MT: Da gibt es den Höllenlift, der die Hölle mit der Erde verbindet, der muss wahnsinnig rasseln und quietschen. Dafür bin ich durch ganz Berlin gefahren und habe gesucht … schließlich bin ich bei einer alten, verrosteten Kaffeemühle fündig geworden. Oder die Hörner der Teufel, die werden im Laufe des Stücks ganz schön ramponiert, dafür zerbreche ich Selleriestangen. In diesem Stück wird besonders viel geschlafen, das hat mich überrascht, aber wenn ich mit einem Geigenbogen ein Chinastäbchen bearbeite, ergibt das sehr schöne Schnarchgeräusche.

MvH: Wie bist du überhaupt dazu gekommen, Geräuschemacherin zu werden?

MT: Der allererste Anstoß war 2008 ein Zeitungsartikel über den Geräuschemacher Max Bauer. Ich fand das sofort einen Traumjob, bei dem man wie ein kleines Kind Blödsinn machen darf, mit Sachen spielen … und dabei trotzdem ganz professionell ist. Ich hab das dann aber wieder abgetan als eh aussterbend und bin erst über zehn Jahre später wieder drauf gestoßen, als genau dieser Geräuschemacher ein live-Hörspiel „Winnetou“ vertont hat in Potsdam mit einem Orchester. Er saß dort auf der Bühne an einem Tisch mit lauter Krempel drauf – so wie ich jetzt – und hat die Geräusche dazu gemacht. Da bin ich hinterher zu ihm gegangen und habe gefragt, ob er mir das beibringen kann. Er war total offen und nett, hat aber gesagt, dass er zu viel unterwegs sei. Er gab mir Kontakte, bei denen ich mich bewerben könnte. Das hat nicht funktioniert, die Szene ist doch ein bisschen verschlossen. Also habe ich mir es dann hauptsächlich selbst beigebracht. Ich bin ja eigentlich Tontechnikerin und habe in einem Tonstudio gearbeitet, da war auch ein Geräuschemacher, den ich gefragt habe und der mich „hospitieren“ hat lassen.

MvH: Ist dein Alltag dann viel stärker davon geprägt, auf Geräusche zu achten?

MT: Ja, besonders, wenn ich mich auf eine bestimmte Sache vorbereite. Da laufe ich ständig durch die Wohnung, hebe Gegenstände hoch, schüttele sie und halte sie mir ans Ohr. Für Außenstehende muss das schon sehr merkwürdig aussehen. Auch beim Einkaufen gehen, auf Flohmärkten oder im Trödel-Kaufhaus, da habe ich schon ein paar komische Blicke geerntet.

MvH: Wie reagieren denn die Leute, wenn du sagst, dass du Geräuschemacherin bist?

MT: Das passiert kaum, weil ich üblicherweise sage, dass ich Tontechnikerin bin, weil das ja noch immer mein Hauptberuf ist, aber wenn ich erzähle, dass ich ab und zu auch Geräusche mache, dann sind die meisten fasziniert und wollen mehr wissen.

MvH: Welche Fähigkeiten muss man mitbringen, um Geräuschemacher*in zu werden?

MT: Ein gutes Timing Gefühl, vor allem beim Film, wenn’s genau auf Bewegungen im Bild passen muss, dann ist Timing sehr wichtig. Und natürlich Fantasie: man muss Gegenständen viel zutrauen und ihr Potential erkennen. Außerdem ist eine Liebe zur Präzision wichtig.

MvH: Wer beauftragt dich als Geräuschemacherin?

MT: Vor allem Theater, auch mal Film und ein wenig Hörspiel.

MvH: Hast du ein Lieblingsgeräusch?

MT: Lustigerweise habe ich mein Lieblingsgeräusch noch gar nicht selbst nachgemacht … Es ist das Gluckern und Röcheln einer total verkalkten Kaffeemaschine, das finde ich unglaublich verheißungsvoll.

 

Ausschnitt aus der Podcast-Reihe „QuatschMalSaal“, zu hören auf der Webseite des Landestheaters, bei Spotify und Soundcloud.

 

 

 

 

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