Foto © Marc Lontzek
Musiktheater

"Musikalisch, leicht und süffig!"

Musiktheaterdramaturgin Helga Christel Gemsa aus unserem Gastspielort Herford im Gespräch mit der Regisseurin Guta G.N. Rau über ihr Regiekonzept für "Das Land des Lächelns" und warum sie das Stück so sehr begeistert.

Helga Gemsa: Du bist seit der Spielzeit 2012/13 am LTD. Du kennst das Haus wie deine eigene Westentasche. Was bei uns in Herford viele nicht wissen, du bist auch als Regieassistentin in vielen Produktionen dabei; d.h.: Du hältst am Abend die Fäden hinter dem Vorhang fest in den Händen und sorgst für einen reibungslosen Ablauf der Vorstellung. War es ein Berufswunsch von dir, am Theater zu arbeiten?

Guta G. N. Rau: Ich habe Deutsch und Englisch studiert, aber schon immer Theater gemacht. Es war vielleicht ein bisschen sowas wie eine glückliche Fügung, denn es ist ein großartiger und sehr kreativer Beruf.

H.G.: Nun führst du auch Regie. Nach »Hänsel und Gretel« hast du den »Vetter aus Dingsda« gemacht. Jetzt machst du erneut eine Operette. Liegt dir diese Spielart besonders?

G.R.: Ja – das kann man so sagen. Was ich hier aber besonders mag: Im »Land des Lächelns« haben wir - wie in den meisten Operetten auch - das fröhliche und lustige Paar, das Buffo-Paar, und gleichzeitig erzählt die Geschichte auch eine sehr traurige Story, da geht es dann auch ernst zu, was sonst in einer Operette eher nicht der Fall ist.

H.G.: Jetzt sagt man der Operette sehr gerne nach, sie käme musikalisch leicht und süffig daher, ist aber das mit am schwierigsten zu inszenierende Genre am Theater. Wie bist du damit umgegangen?

G.R.: Nun – interessanterweise ist sie das oft für die Sänger*innen. Eine Operette hat viel Text. Das ist für das Publikum immer wunderbar, um die Handlung besser mitverfolgen zu können. Für die Sänger*innen aber ist es viel schwieriger, sich gesprochene Texte, all die langen Dialoge zu merken, das fällt den Sänger*innen meistens nur dann leicht, wenn es Noten dazu gibt.
Und schwierig war es hier auch deswegen, weil diese Operette eben auch alles verbindet: Die Tragik und den Spaß, das Lachen und das Weinen. Das muss dann so gut werden wie in einer gut gemachten Komödie im Kino.

H.G.: Unser Publikum fragt immer die eine Frage: Machen sie es schön, also traditionell – oder modern? Gerne denke ich an deinen »Vetter«, diese wunderschöne Kulisse mit ihrer blumig-bunten Pracht haben wir alle noch gut in Erinnerung. Du hast auch diesmal wieder mit dem Bühnenbildner Markus Meyer zusammengearbeitet, der auch die Bilder zu »My Fair Lady« entworfen hat. Dürfen wir wieder bunte Bilder bewundern, die keine Wünsche offenlassen?

G.R.: Nun - Im »Vetter« ist im Grunde genommen jede Figur total abgedreht. Da gibt es Stellen wie diese, wo eine junge verliebte Frau ihrem Geliebten Liebesgrüße über den Mond sendet, das ist total überdreht und eigentlich auch unrealistisch. Hier im »Land« sind die Figuren so echt und viel realistischer als in nahezu jeder anderen Operette, das Stück erzählt beste Realität.

H.G.: Die Operette wurde 1929 in Berlin uraufgeführt. Wenn man bedenkt, was damals in Berlin los war … Nie mehr war Berlin so lebendig, so erotisch und lasterhaft wie in den Goldenen 20er Jahren, und da schrieb Franz Lehár dann diese Operette – mit wunderschöner Musik, aber ausgerechnet ohne Happy End. Wie bist da herangegangen? Spielt die Entstehungszeit eine Rolle in deiner Geschichte?

G.R.: Nein nicht direkt. Unsere Story kann in den 20er oder 30er Jahren spielen oder auch später, z.B. in den 50ern. Nehmen wir z.B. den 1. Akt, der in Wien spielt. Da sehen wir sehr viele wunderschöne und bunte Kostüme, die sind zeitlich unbestimmt. Wichtig war uns: Lisa ist eine lebenslustige Lady der Wiener High Society. Also zeigen wir hier schicke bunte Cocktailkleider für die Damen, die Herren tragen Smoking. Einzig der chinesische Prinz Sou-Chong trägt hier ein weißes Kostüm, weil er hier in Wien der Fremde ist, damit sticht er heraus. Später im Peking-Akt ist es umgekehrt. Da ist Lisa die Fremde, da trägt sie dann weiß.

H.G.: Und das ist ja auch das Thema hier im »Land des Lächelns«. Du zeigst diese zwei vollkommen unterschiedlichen Welten. Da finden und verlieben sich zwei Menschen, Lisa und Sou-Chong. Beide aber müssen feststellen, sie passen nicht in die Welt des anderen. Wien und Peking ticken vollkommen anders. Für Lisa bricht dann ja auch ein Kartenhaus zusammen.

G.R.: Ja – sich fremd fühlen, ist das eine Thema. Es geht hier immer auch um ältere Traditionen, um Sitten und um die ältere Gesellschaft, die Regeln, Sitten und Traditionen vorschreibt. Und noch ein weiterer Aspekt war mir wichtig: die Figuren kommunizieren nicht miteinander. Lisa weiß nichts von den chinesischen Pflichten. Sou-Chong muss vier weitere Frauen heiraten, das verlangt die Landessitte. Davon aber erfährt Lisa erst hintenrum, aus dem Mund eines anderen.

H.G.: Diese Operette hat kein Happy End. Die Story erzählt, dass die große Liebe nicht gegen Fremdheit und Verfeindungen ankommt. An dieser Stelle hole ich etwas aus: Franz Lehár hat seine Operetten oft überarbeitet. Und tatsächlich gab es auch zu dieser Operette eine frühere Fassung, die »Gelbe Jacke« von 1923, die hingegen erzählt ein Happy End, da dürfen sich die Figuren am Ende in den Armen liegen.

Spielt die Vorlage bei dir eine Rolle, immerhin hat Lehár einen Großteil der Musik sogar aus diesem älteren Stück in das »Land« übernommen.

G.R.: Da sagst du etwas! Ja – ohne vorab zu viel verraten zu wollen, ein Happy End habe ich hier tatsächlich hineingestrickt und den Sprechtext ein wenig geändert. Bei mir darf das Buffo-Paar sich am Ende glücklich in den Armen liegen, was aber die Tragik von Lisa und Sou-Chong noch einmal mehr verstärkt, denn sie müssen von außen auf ein Happy End schauen, das ihnen beiden nicht gegönnt ist.

H.G.: Das Stück spielt im 2. Akt in Peking. Wie chinesisch sieht dein China aus? Gibt es chinesische Elemente?

G.R.: Ja – unbedingt. Wir haben das große Glück, dass wir in unserem Chor einen chinesischen Kollegen haben, der uns mit Rat und Hilfe zur Seite stand, der uns beraten hat in so ganz allgemeinen Verhaltensregeln, wie verbeugt sich ein Chinese in seinem Land. Von ihm haben wir dadurch sehr viel gelernt, wie seine Heimat, wie China tickt.

H.G.: Vielleicht noch ganz kurz dazu: Wie schwierig waren die Proben durch die Corona-Maßnahmen? Soweit ich weiß, wurde die Premiere »Turandot« am LTD abgesagt, dafür wird nun »Das Land des Lächelns« als Eröffnungspremiere gezeigt.

G.R.: Nun unter Druck ist man bekanntlich am kreativsten. Das hat uns zusätzlich erfinderisch gemacht. Wir spielen zurzeit eine sogenannte Corona-Fassung, d.h. unser Chor und auch das Orchester sind klein besetzt, um die nötigen Abstände einzuhalten. Das aber kann sich bis zum Frühjahr alles wieder geöffnet haben, vielleicht dürfen wir bei euch längst wieder mit vollem Orchester spielen. 

H.G.: Was würdest Du jemanden empfehlen, der noch nie in einer Operette war? Vielleicht das: Hingehen, denn es ist ein großartiger Operettenstoff, mit großartigen Sänger*innen besetzt.

G.R.: Auf jeden Fall!

 

 

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