Foto © Marc Lontzek
Junges Theater

Mit Hagen und Kriemhild in den digitalen Raum

Unter dem Titel „nibelungenpunkt.de“ wagt sich das Junge Theater erstmals mit einer kompletten Produktion in den digitalen Raum. Regisseurin Meike Hedderich und Medien- und Game Designer Kevin Osenau verraten im Gespräch mit Lena Göthe, was das Besondere an diesem Projekt ist.

© Privat

           Kevin Osenau und Meike Hedderich beim Skype-Gespräch

  • Was ist das Konzept von nibelungenpunkt.de, dem „digitalen Theater“?

    Zu Beginn unserer Arbeit gab es folgende Fixpunkte: Wir werden mit dem Stoff des mittelalterlichen Nibelungenliedes arbeiten und das alles soll im digitalen Raum stattfinden. Mittelalter und Internet gehen natürlich zunächst einmal schwer zusammen. Was aber wäre, wenn es zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, das Internet und Social Media schon gegeben hätte? Wie würden sich Kriemhild, Hagen, Siegfried und die anderen in diesem digitalen Raum bewegen? Und wie würde dieses Internet dann überhaupt aussehen? Für uns am naheliegendsten war es, die Antwort im „Mittelalter des Internets“ zu suchen, weshalb nibelungenpunkt.de ästhetisch mit der 8-Bit-Optik alter Konsolen- und Computerspiele arbeitet.

    In unserer Bearbeitung des Nibelungenliedes streiten sich Kriemhild und Hagen darum, wer die „richtige“ Version der Geschichte erzählen kann und wer von den beiden Schuld ist am Untergang der Nibelungen. nibelungenpunkt.de nimmt das Publikum mit auf die Reise durch ein Internetarchiv, das gefüllt ist mit Videos, Chatverläufen und Social-Media-Accounts der Figuren. Dieses Archiv bietet die Möglichkeit, Stück für Stück immer weiter in die Geschichte einzutauchen und sich so aus verschiedensten Quellen ein Gesamtbild zusammenzusetzen.

  • Habt ihr schon einmal an einem derartigen Projekt gearbeitet?

    Meike: Jein. An einem digitalen Theaterstück in dieser Form habe ich noch nie gearbeitet. Ich habe aber schon an Theaterformaten gearbeitet, die ähnlich wie nibelungenpunkt.de mit alternativen Formen des Storytellings arbeiten. Am nächsten kommt dieser Arbeit jetzt wohl ein Projekt, in dem wir ein Brettspiel in ein Theatererlebnis verwandelt haben.

    Kevin: Jein. Ich interessiere mich besonders für interdisziplinäre Formate und probiere in meinen Projekten immer wieder auf verschiedenste Weise aus, wie menschliche Erlebnisräume narrativ gestaltet werden können. Die spezielle Kombination, die wir bei nibelungenpuntk.de umsetzen, hatte ich bisher noch nicht. Aber um ein anderes interdisziplinäres Beispiel zu nennen, an das ich besonders gerne zurückdenke: die Projektreihe „hall01-30“ vom Kollektiv TAAT, wo ich bei „hall04“ mitwirken konnte. Da ging es um die Frage, wie Architektur bzw. ein physischer Raum ein Theaterstück sein kann.

  • Was sind eure größten Herausforderungen bei nibelungenpunkt.de?

    Eine der größten Herausforderungen ist, dass niemand, der an diesem Projekt beteiligt ist, so etwas schon einmal gemacht hat. Bei allen Arbeitsabläufen tappen wir also zusammen etwas im Dunkeln und müssen gemeinsam den richtigen Weg finden.

    Meike: In meiner Position als Regisseurin kommt hinzu, dass wir für nibelungenpunkt.de nicht für eine Theateraufführung im klassischen Sinne proben. Die Arbeit mit den Schauspieler*innen ist in vielen Punkten sehr nah am Film. Das ist für mich auch neu.

    Kevin: Der Zeitplan. Für eine ‚digitale‘ Produktion hatten wir von Beginn an einen ziemlich knackigen Zeitplan. Bei jeder Idee, die wir gerne umsetzen würden, müssen wir uns fragen: Bekommen wir das in dieser Zeit hin? Finden wir eine andere Lösung, die schneller umsetzbar, aber genauso gut oder sogar besser ist? Ich hätte bei diesem Projekt wirklich nichts gegen Hermine Grangers Zeitumkehrer gehabt.

  • Sind während der Produktion unerwartete Probleme aufgetreten?

    Eigentlich tauchen alle 5 Minuten neue unerwartete Probleme auf! Nein, so schlimm ist es auch nicht. Aber da wir alle so ein Projekt zum ersten Mal machen, kommt es recht häufig vor, dass wir meinen „Ja, jetzt haben wir wirklich an alles gedacht“ und dann passiert doch wieder etwas, was wir eben nicht bedacht hatten. Das können inhaltliche Punkte sein, Probleme mit der Website oder einfach nur, dass auch der Theaterbetrieb mit allen Gewerken in ihrer jeweiligen Planung nun mal nicht auf so eine Form der Produktion eingestellt ist. Dann muss man sich diesen Problemen eben stellen - das funktioniert im Team aber auch ganz gut.

  • Was reizt euch besonders an so einem außergewöhnlichen Projekt?

    Neue Theaterformen denken und entwickeln - alternative Erzählmethoden finden und auch über Räume und Formate nachzudenken, die gängige Genre- und Spartengrenzen überschreiten, ist etwas, das uns in unserer Arbeit immer interessiert. Und nibelungenpunkt.de ist ein Projekt, das dies in besonderem Maße tut.

  • Glaubt ihr „digitales Theater“ wird nun öfter inszeniert – auch über Corona-Zeiten hinaus?

    Theater ist eine Kunstform, die sich auch in ihren Formaten ständig weiterentwickelt, in der letzten Zeit erobert sie zunehmend auch digitale Räume. Die Corona-Pandemie hat diese Bewegung sicher beschleunigt, weil es schlichtweg an vielen Stellen keine andere Möglichkeit gibt. Wir denken und hoffen aber, dass durch das Experimentieren mit diesem (Spiel-)Raum Ideen und Arbeitsweisen entstehen, die auch „nach Corona“ in der Theaterarbeit ihren Platz finden. Gleichzeitig hoffen wir natürlich aber auch, dass Theater in der Form, wie wir es kennen, also „analog“, bald wieder wirklich möglich ist.

  • Ist „digitales Theater“ vergleichbar mit echtem Theater? Oder doch eher mit Gaming?

    Die größte Frage, die man sich da stellen muss ist natürlich: Was ist „echtes Theater“? Unserer Meinung nach definiert es sich vor allem darüber, dass Menschen Zeit und Raum miteinander teilen und dort Themen und Geschichten miteinander verhandeln. Betrachtet man unter diesen Punkten das digitale Theater, ist die größte Frage natürlich, ob der digitale Raum ein Raum in diesem Sinne sein kann. Mit nibelungenpunkt.de versuchen wir, uns genau dieser Frage zu nähern, in dem wir das zunächst einmal annehmen. Wir versuchen, die Gemeinsamkeiten von Theater und Gaming zu betonen und darauf das Projekt aufzubauen. In beiden Fällen wird ein Erlebnis gestaltet, das nicht wiederholbar und jedes Mal anders ist. Und das Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der Thematik gibt.

  • Wem würdet ihr nibelungenpunkt.de empfehlen? Braucht man Erfahrungen mit Online-Games?

    Grundsätzlich allen, die Interesse an Geschichten haben. Sowohl Menschen mit Theater- als auch mit Gaminig-Erfahrung werden in dem Projekt neue Formen entdecken, die sie vielleicht vorher noch nicht kannten.

  • Was hebt die Inszenierung von anderen Theaterstücken ab? Und was unterscheidet sie von anderen Gaming-Angeboten?

    Die Besonderheit von nibelungenpunkt.de ist, dass das Projekt eben irgendwo dazwischen liegt. Es ist weder „normales Theater“ noch „Gaming“. Das ist auch ein Grund, warum wir uns die Bezeichnung „digitales Theater“ ausgedacht haben, weil wir finden, dass sie das Projekt am besten fasst.

  • Worauf kann man sich bei dieser Form des Theaters besonders freuen?

    Wir denken, man kann sich vor allem auf ein neues Erlebnis freuen. Auf eine Form von Theater, die man so noch nicht kennt. Und auch auf eine neue Sicht auf das Nibelungenlied.

  • Gibt es vielleicht einen kleinen Tipp zum Lösen der Aufgaben?

    Für die Aufgaben gilt: Genau hinsehen und zuhören - eigentlich ist alles schon da, man muss es nur finden. Und: Googeln ist ausdrücklich erlaubt!

Mehr über die Produktion nibelungenpunkt.de finden Sie HIER.

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