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Konzerte

Konzertprogramm 2020/2021

Corona, Kultur und die Konzertsaison 2020/21. Generalmusikdirektor Lutz Rademacher im Gespräch mit Anna Neudert.

 

Wie geht es dir in dieser sehr merkwürdigen Situation, die ja mittlerweile schon fast zu einer neuen Art der Normalität geworden ist?

Lutz Rademacher: Ich war lange nicht mehr so erholt! Spaß beiseite: Natürlich ist diese Pandemie etwas noch nie Dagewesenes, auch eine unheimliche, weil unsichtbare Bedrohung unserer Gesellschaft. Wir (wenn auch meist auf Zeit) angestellten Künstler*innen sind allerdings in vergleichsweise komfortabler Situation, müssen wir doch nicht wie viele freischaffende Kolleg*innen um unsere Existenz bangen. Aber natürlich frage auch ich mich, wann wir denn wieder »normal« in größerer Besetzung werden musizieren können.

Als sich abzeichnete, was Corona für den Opern- und Konzertbetrieb bedeutet, war unsere kommende Spielzeit ja schon vollständig geplant. Der Opernspielplan wurde seitdem immer wieder umgeplant. Hast du auch den gesamten Konzert-Spielplan ändern müssen? Wird es ein »normales« Sinfoniekonzert in absehbarer Zeit geben können?

Lutz Rademacher: Leider mussten wir ein Sinfoniekonzert mit einem sehr spannenden Programm, nämlich einer Uraufführung, für den Juni absagen. Dafür konnten wir ersatzweise ein Konzert mit kleiner Besetzung spielen. Wir hoffen sehr, im Herbst wieder mit größeren Besetzungen auftreten zu können, die Abstandsregelungen und Hygiene-Auflagen werden ständig an die aktuelle Lage angepasst, da ist viel Dynamik drin. Das erste richtig groß besetzte Programm ist für den November geplant …

Würdest du uns den Konzert-Spielplan der kommenden Saison mit ein paar Worten vorstellen? Gibt es ein persönliches Highlight, auf das du dich besonders freust?

Lutz Rademacher: Ich freue mich, dass wir in der nächsten Saison zwei Konzerte in Paderborn in der Paderhalle spielen können, das ist eine schöne Bestätigung unserer Arbeit. Es wird einen Beethoven-Marathon mit allen fünf Klavierkonzerten in Kooperation mit der Hochschule für Musik geben. Im November dann ein Sinfoniekonzert als Hommage an den Detmolder Dichter Christian Dietrich Grabbe mit dem Titel »Don Juan und Faust«, mit Werken von Schumann, Richard Strauss und der zweiten Sinfonie von Johannes Harneit als Uraufführung. Besonders freue ich mich auf das Sinfoniekonzert im Juni 2021, mit dem ich mich vom Detmolder Publikum verabschieden möchte. Da gibt es u. a. die Erste Sinfonie von Gustav Mahler, ein besonderes Herzensstück von mir.

Mit welchen Hoffnungen und Wünschen gehst du in die neue Spielzeit, die ja deine letzte in Detmold sein wird und jetzt so ganz anders wird, als du sie dir vorgestellt hast?

Lutz Rademacher: Natürlich schmerzt mich, dass wir sowohl Puccinis »Turandot« als auch »The Turn of the Screw« von Britten nicht machen können. Gerade auf Britten, einen meiner Lieblingskomponisten, hatte ich mich sehr gefreut. »Eugen Onegin«, das wir nun stattdessen in den Spielplan aufgenommen haben, ist aber auch ein wunderbares Stück. Darüber hinaus hoffe ich, dass das Symphonische Orchester und ich und damit unser Publikum in der kommenden Saison die Früchte unserer gemeinsamen Arbeit ernten und genießen können — mit einer Träne im Knopfloch. Ich gehe ja nicht im Groll, sondern weil unsere Kunst den Wechsel und ich nach acht intensiven Jahren eine neue Herausforderung brauche.

Siehst du neben all den unerfreulichen Änderungen, die uns gerade täglich herausfordern, auch Chancen in der aktuellen Situation? Chancen für den Kulturbetrieb?

Lutz Rademacher: Noch nie hat eine Krise so global gewirkt wie diese. Es hat sich gezeigt, dass besonnenes, informiertes Handeln in der Not viel effizienter wirkt als populistisches Poltern. Ich glaube daran, dass die Menschheit daraus lernen kann. Das ist auch nötig, denn der Klimawandel ist eine mindestens ebenso große Bedrohung für unseren Planeten wie das Corona-Virus. Was den Kulturbetrieb angeht, so bin ich angesichts der teilweise grotesken Einschränkungen und Abstandsregelungen im Moment noch skeptisch …

Aerosole, das Theater-Unwort 2020, sind unsere größten kleinen Feinde auf dem Weg zu einer neuen Normalität im Konzertbetrieb. Was bedeuten die geforderten Sicherheitsabstände für deine Arbeitsrealität im Orchestersaal mit den Kolleginnen und Kollegen des Orchesters und mit dem Opernensemble?

Lutz Rademacher: Gerade machen wir die ersten Schritte mit den neuen Sicherheitsbestimmungen, das ist ein sehr dynamischer Prozess. Eine Zeit lang können wir auch in kleinem Format musizieren, das ist eine bereichernde Erfahrung, allerdings erschweren die großen Abstände natürlich die Kommunikation. Wir sind jedoch kein Kammerorchester und möchten natürlich auch so bald wie möglich wieder groß besetzte Symphonik und Opern spielen, das ist unsere Kernkompetenz und das erwartet man auch von uns. Was es im Musiktheater bedeutet, wenn Liebesduette mit mindestens zwei Metern Abstand gesungen werden müssen, kann sich jede*r selbst vorstellen.

Die Debatte um Theater und Digitalität erlebt ja momentan einen enormen Auftrieb. Siehst du die Oper der Zukunft stärker digitalisiert, als wir sie bisher kennen? Gibst du solchen Zukunftsvisionen eine Chance?

Lutz Rademacher: Zu Beginn der Krise war es sehr inspirierend, all die Online-Formate zu sehen, da wurde sehr viel Energie frei - gesetzt. Allerdings stellte sich bei mir relativ bald Überdruss ein, das Live-Erlebnis in der Oper oder im Konzertsaal ist eben durch nichts zu ersetzen. Ich hoffe sehr, dass das Publikum das ebenso wahrnimmt und die Krise die Lust auf analoge Musikerlebnisse stärkt. In anderen Ländern, in denen finanzielles Engagement für die Kultur reine Privatsache ist, werden viele Kulturinstitutionen schlicht nicht überleben. Da zeigt sich die große Stärke des deutschen Systems! Was die Vermittlung von Inhalten angeht, sehe ich noch viel Entwicklungspotential: Einblicke in den Probenalltag, Werkeinführungen, insbesondere auch die Kinder- und Jugendarbeit. Ich bin sicher, dass der Online-Bereich in Zukunft immer wichtiger werden wird. Ganze Konzerte oder Opern online sind für mich persönlich jedoch wie Kochbücher lesen oder Trocken – schwimmen…

 

Einen kurzen Videobeitrag über die Konzertsaison 2020/2021 können Sie HIER anschauen. 

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