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„Wer Lust auf einen spannenden Musiktheaterabend hat, sollte unbedingt kommen!“

Regisseur Jan Eßinger über die Probenarbeit, die Musik und seine Inszenierung der Oper „Der Jüngste Tag“ von Giselher Klebe

1. Was hat Dich selbst an der Oper „Der Jüngste Tag“ fasziniert? 
Zunächst war es der tiefe und doppelbödige Stoff des Schauspiels, das ich bereits kannte. Dann diese unglaubliche Musik, die nicht nur die Ausweglosigkeit vieler Situationen, sondern auch die Sprachlosigkeit zwischen den Figuren spannungsvoll schildert und die den/die Zuhörer*in besonders auch in den Zwischenspielen bis ins Mark berührt und erschüttert. Für diese Mischung die richtige theatrale Sprache zu finden und diese dann mit dem Team in der Konzeptentwicklung und dem Ensemble auf der Probe zu verwirklichen, das war die reizvolle Aufgabe beim „Jüngsten Tag“.

 

2. Worum geht es Dir in Deiner Inszenierung der Oper "Der Jüngste Tag"?
Für mich geht es in dieser Inszenierung um das Sichtbarmachen der differenzierten Beziehungen der Figuren innerhalb einer Dorfstruktur. Ich möchte den Krach der dort herrschenden Sprachlosigkeit fühlbar machen, gleichzeitig dem Klang der Stille nachspüren. Dabei möchte ich Figuren zeigen, die etwas – und sich selbst – aushalten müssen. Die alle auf ihre Art schuldig sind. Die alle Verantwortung für gewisse Ereignisse haben.
Nicht zuletzt war es mir wichtig, eine adäquate Umsetzung für das „Jenseitige“ zu finden, das immer wieder in die Oper einbricht und damit die kleingeistige Dorfstruktur aufbricht und das Werk zu etwas Größerem hin öffnet.

3. Wie bist Du an die Geschichte und an die Frage nach Schuld und Verantwortung herangegangen?
Mit einer großen Offenheit und Neugierde auf das, was ich im Verlauf der Konzeption aber auch während der Probenarbeit über die Figuren lernen würde. Vieles schien oft so klar – und war doch so zwiespältig. Man versteht Handlungsweisen der Protagonisten – und muss doch immer wieder an ihnen zweifeln. Zweifeln auch an Aussagen, daran, was Lüge und was (subjektive) Wahrheit ist. Was der Text sagt - aber die Musik vielleicht anzweifelt. Man ist gezwungen sein eigenes Schubladendenken zu hinterfragen, das dazu führt, den ein oder anderen Charakter im Stück vielleicht vorschnell zu kategorisieren. In solchen Momenten immer wieder den Schritt zurück zu machen, neu und offen auf die Situation zu schauen, das war mein Weg in diesem Prozess.

4. Wie ist der Arbeitsprozess verlaufen und entspricht das Ergebnis Deinen Erwartungen?
Der Arbeitsprozess war insofern für mich etwas Neues, als dass es für mich das erste Mal ist, dass ich ein Stück komplett ohne Requisiten inszeniere. Zudem haben wir nach einer reduzierten, formalen und sehr konzentrierten Spielweise gesucht. Eine Suche, die im Probenprozess oftmals anstrengend war, da diese Art der Personenführung und Figurenfindung nicht alltäglich ist. Umso schöner war dann der Moment für mich, zu sehen, wie dies alles mit unserem Gesamtkonzept verschmilzt und aufgeht. Die Spannung, die dann bei der Premiere zwischen Bühne, Orchestergraben und Zuschauerraum entstanden ist, hat meine Erwartungen fast noch übertroffen.

5. Was sagst Du zu Menschen, die davor zurückschrecken, sich "Der Jüngste Tag" anzuschauen, weil sie Angst vor zeitgenössischer Musik haben?
„Der Jüngste Tag“ ist Neue Musik – und fühlt sich gleichzeitig total vertraut an. Es gibt berührende Melodien, sinfonische Passagen, die Filmmusik-Qualität haben und Motive, die immer wiederkehren und für mich in der Probenzeit zu Ohrwürmern geworden sind. Und dabei ist die Musik einfach wahnsinnig reich an Farben und Atmosphären. Damit fördert sie in jedem Moment die Spannung, die in diesem Stoff verborgen ist.
Wer Lust auf einen spannenden Musiktheaterabend hat, sollte also unbedingt kommen!

6. Warum wird „Der Jüngste Tag“ nicht häufiger auf Opernbühnen gespielt?
Weil Giselher Klebe leider zu Unrecht zu unbekannt ist und sein Werk deshalb nicht im heutigen relativ engen Opern-Kanon zu finden ist. Ich hoffe, dass wir mit unserer Produktion hier in Detmold dazu beitragen, dass Klebes Literaturopern wieder häufiger auf die Spielpläne kommen!

 

Die Fragen stellte Maila von Haussen

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