Foto © Rainer Worms
Neulich im Theater

Reflexionen zu „Fräulein Julie“

Altertümliche Klischees oder aktuelle Problematik?

In August Strindbergs Kammerspiel träumt das junge Fräulein Julie vom einfachen Leben und der Liebe, während ihr Diener Jean sich nach Macht und Prestige sehnt.

In ihrem Umgang miteinander wechseln die beiden ständig die Machtpositionen. Hierbei ist die auftretende Problematik der Klassengesellschaft im modernen 21. Jahrhundert zwar (glücklicherweise) nicht mehr für jede*n nachvollziehbar, dafür aber Strindbergs Spiel mit Geschlechterklischees.

Beide Charaktere sind nicht zufrieden mit den ihnen vorgeschriebenen Rollen. Julie, aufgezogen von einer unabhängigen Feministin und aufgewachsen mit dem Glauben an Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, ist geprägt von dem Schicksal ihrer Mutter, welche von Männern verraten wurde und ihrer Tochter das Versprechen abnahm, niemals die Sklavin eines Mannes zu werden. Julie selbst gibt also vor, alle Männer zu hassen und dem freiheitsliebenden Beispiel ihrer Mutter zu folgen. Doch Strindberg präsentiert sie trotzdem als den schwächeren Part in der Beziehung der beiden Protagonisten. Geleitet von ihren Gefühlen und auf der Suche nach Liebe, lässt sie sich von Jean manipulieren und verführen.

Dieser hingegen ist ein sehr strategisch-denkender Mann, dessen einziges Ziel es ist, in der Gesellschaft aufzusteigen. Ganz dem Klischee eines starken Mannes folgend, legt er keinen Wert auf Gefühle und nutzt diese einzig, um das Fräulein zu verführen. Er schmeichelt ihr und gibt vor, sie sei seine einzig wahre Liebe, um sie als Mittel zu seinem Zweck zu nutzen und Geld von ihr zu erhalten.

Bereits im 19. Jahrhundert beschäftigt Strindberg sich mit dieser Art der Machtspiele und schafft es damit noch heute, den Nerv der modernen Gesellschaft zu treffen. Männer, die es sich herausnehmen, über Frauen zu bestimmen, ob nun in der Beziehung oder am Arbeitsplatz, gibt es auch heute noch. Und natürlich auch die Frauen, die dem Trend des Feminismus folgen wollen und vorgeben, getreu dem Motto #Girlpower zu leben, ohne sich aktiv gegen männliche Unterdrückungen zu wehren. Ganz zu schweigen von der Gewalt gegen Frauen, die in vielen Beziehungen vorkommt und von manchen Frauen sogar hingenommen wird, weil sie denken, was auch Julie sagt: „Ich habe es nicht besser verdient! Ich tauge nichts […]“

Fragt man sich während der Vorstellung, wie es nur dazu kommen kann, dass die beiden Charaktere sich in eine solch schädliche Beziehung begeben, so sollte man sich auch im realen Leben viel öfter fragen, wo die eigenen Grenzen liegen und wie weit man für geliebte Personen gehen sollte, denn letztendlich ist jede Person, völlig unabhängig von Geschlecht oder gesellschaftlichen Stand, für sich selbst verantwortlich und sollte sich niemals von den eigenen Werten abbringen lassen.

Lena Göthe, FSlerin der Öffentlichkeitsarbeit

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