Foto © Landestheater Detmold
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Natascha Mamier und Alexandra Riemann im Gespräch

Am 27. September eröffnet die Schauspielsparte mit „Maria Stuart“ die Spielzeit 2019/2020 im Landestheater Detmold. Schillers Drama um den Kampf zweier Königinnen untersucht Menschen in den politischen Schaltzentralen der Macht und deckt deren Beweggründe für ihr politisches und menschliches Handeln auf. Die Leitende Schauspieldramaturgin Lea Redlich hat sich mit den beiden Hauptdarstellerinnen der Inszenierung, Natascha Mamier und Alexandra Riemann, und dem Regisseur des Abends, Schauspieldirektor Jan Steinbach, zum Gespräch getroffen.

 

Lea Redlich: Ist „Maria Stuart“ für eine oder einen von euch die erste Arbeit an einem Schiller-Text?

Jan Steinbach: Ja, bei mir ist das so. Dabei wollte ich schon immer Schiller machen und ich wollte schon immer „Maria Stuart“ machen, habe aber erst eine Weile gebraucht, mich mit den Klassikern anzufreunden. In meinen jüngeren Jahren fand ich das häufige „Rumgeschwärme“ bei Schiller total nervig und unzeitgemäß. Das geht mir jetzt zwar noch genauso, aber mittlerweile erkenne ich den extrem hohen Wert darüber hinaus. Schiller schafft es einfach wahnsinnig gut, eine extrem reichhaltige, tiefgehende Sprache mit einem großen Sinn für Dramatik und spannendem Geschehen zu vereinen. Gerade bei „Maria Stuart“ ist das meiner Meinung nach sehr augenfällig.

Natascha Mamier: Bei mir ist es der dritte Schiller. Ich habe ganz groß angefangen in meiner Studienzeit. In „Don Carlos“ hat Schiller eine Figur mit einem einzigen Satz geschrieben. Diese Figur war ich. Und diesen einen Schillersatz durfte ich während meiner Studienzeit in einer Inszenierung von Wolfgang Engel zum Besten geben. Danach durfte ich Gott sei Dank ein bisschen größer im Schiller spielen, da war ich die Luise in „Kabale und Liebe“, das war die erste Rolle nach dem Studium – und jetzt habe ich es zur Königin geschafft.

LR: Erinnerst du dich noch daran, wie dieser eine Satz im „Don Carlos“ lautet?

NM: (prompt und souverän) „Die Schuld des Bösen Fiebers / Das ganz erstaunlich an die Nerven greift. /Nicht wahr, Prinzessin?“, sagte ich zur Prinzessin Eboli – und ging wieder.

JS: Siehst du, ich frag dich in zwanzig Jahren nochmal, was der Text der Elisabeth war, meinst du, den weißt du dann noch?

NM: Nein, bestimmt nicht, aber diesen einen Satz werd‘ ich mein Lebtag nicht vergessen.

Alexandra Riemann: Ich habe während des Studiums auch in einer „Don Carlos“-Inszenierung mitgespielt und zwar besagte Prinzessin Eboli. In der ersten Studioinszenierung waren es dann „Die Räuber“ und da haben wir alle alle Rollen gespielt. Ähnlich wie bei „Michael Kohlhaas“ letzte Spielzeit im Grabbe-Haus.

LR: Die englische Königin Elisabeth (gespielt von Natascha Mamier) fürchtet, dass die schottische Königin Maria Stuart (Alexandra Riemann) ihr den Thron rauben will. Ihre Einflüsterer drängen sie deshalb dazu, das Todesurteil gegen ihre Widersacherin zu sprechen und sich mit Frankreich zu verbünden. Maria Stuart, der vorgeworfen wird, an der Ermordung ihres eigenen Mannes schuldig zu sein, kämpft also ums pure Überleben. Diplomatie, Komplotte und Missverständnisse bestimmen den Lauf der Handlung. Jan, Du hast gerade gesagt, dass Du schon lange „Maria Stuart“ inszenieren wolltest – warum gerade jetzt?

JS: Wir haben uns zum einen für diese Spielzeit als roten Faden im Schauspiel die Beschäftigung mit starken Frauen zu eigen gemacht und da bietet sich dieser Stoff natürlich hervorragend an. Zum anderen ist es ein Stück, das nie so richtig aus der Mode kommt. Alles was mit Machtpoker und Intrigen usw. zu tun hat, ist offenbar immer ein Bestandteil der Weltpolitik im Großen. In diesem Stück gibt es aber auch ganz viele Figuren, die analog zu Elisabeth so eine Art von Entscheidungsdilemma haben, welches auch im Kleinen wirkt; bei dem es immer wieder Punkte gibt, die über die ganz großen machtpolitischen Intrigen hinausgehen, Punkte, bei denen auch der nicht weltpolitisch engagierte Mensch sich wiederfinden kann, und das, finde ich, muss ein Stück, was wirken soll, unbedingt mitbringen. Sowas ist mir immer wichtig, dass es auch bis in die kleinste Zelle hineinwirken kann.

LR: Schiller ist sprachlich immer eine Herausforderung. Der Blankvers in fünfhebigen Jamben bedarf immer erst eines sich Hineinhörens. Wie geht es Euch beiden mit dem Text?

AR: Ich finde ihn leichter zu lernen als moderne Texte, weil ich direkt merke, selbst wenn ich nur ein Wort vergessen habe, dass ich eines vergessen habe …

NM: … aber leider merkt das dann auch die ganze Welt, wenn man ein Wort vergessen hat. Das fällt bei modernen Stücken in der Regel nicht so schnell ins Gewicht. Ich finde darüber hinaus die Beschäftigung mit dem Text wahnsinnig interessant. Man kann da buchstäblich detektivisch vorgehen: Wo sind die Hebungen, wo sind die Senkungen, welche Wörter sind Schiller besonders wichtig, welche sind eben nicht betont und wenn man sich diese Mühe macht, dann tut sich ein ganzer Kosmos an Deutungsmöglichkeiten dieses Textes auf. Das macht es einerseits wahnsinnig herausfordernd und überfordernd, aber für die Theaterwelt überaus spannend.

LR: Maria Stuart und Elisabeth sind zwei der berühmtesten Frauenfiguren der deutschen Dramenliteratur. Wenn man erfährt, dass man für eine dieser Rollen besetzt wurde, überwiegt da die Freude oder der Respekt?

NM: Ich hab mich da gefreut, ich hab mich auch gefreut, das mit Alex zu machen, denn dieses Stück lebt davon, dass man zwei starke Frauen hat, die ebenbürtig sind, die sich fordern und wo man nicht denkt, ach die eine ist die Gute, die andere ist die Böse und „schwach“ und „stark“ und uäh –  ich finde, das müssen interessante Frauen sein und ich finde, die Alex ist eine interessante Frau und ich finde mich jetzt auch nicht so uninteressant, vielleicht … (lacht) auf jeden Fall hat mich das gefreut. Sowas muss in einem Ensemble vorhanden sein und das macht Spaß.

AR: Das geht mir ganz genauso. Ich habe mich auch tierisch gefreut, vor allem auf das Zusammenspiel mit Natascha und ich finde, die beiden haben so viele Facetten. Man kann beide Frauen in ihrem Denken und Handeln irgendwie nachvollziehen und das wollen wir natürlich rüberbringen. Und ich finde es macht wahnsinnig viel Spaß mit dir zu spielen, Natascha.

LR: Beide Frauen sehnen sich im Grunde nach Frieden. Nach einer Pause im ewigen Intrigen- und Machtspiel. Was meint Ihr, hätten sie eine Lösung gefunden, wenn sie sich in Ruhe an einen Tisch gesetzt hätten?

AR: Schwierig ist ja, dass Maria darauf besteht, nach Elisabeths Tod als Erbin das Königinnenamt anzutreten und Elisabeth dadurch immer wieder befürchten muss, dass sie sie stürzt, bevor sie eines natürlichen Todes stirbt, deshalb ist das ein sehr schwieriger Punkt, glaube ich, denn eigentlich könnte man ja sagen: Ich vertraue dir, du vertraust mir und wenn du gehst, dann bin ich da und dann hätte man sich einigen können, aber da versteh ich auch Elisabeth, die sagt: Glaub ich dir nicht.

JS: Ist ja auch nicht so, als wär da noch gar nichts vorgefallen, das hat ja alles eine Vorgeschichte.

NM: Das negiert Maria ja bis zur Beichtszene ganz gut, dass sie schon auch so n paar Schnitte im Kerbholz hat: ihren Mann umgebracht, den anderen betrogen …

AR: Nicht selber umgebracht!

NM: Natürlich, Entschuldigung!

AR: Betrogen auch nicht, das war nur ein guter Freund, der Rizzio.

NM: Du hast vollkommen recht, Alex – ABER, ich möchte doch noch sagen, dass Maria Stuart versucht hat, Elisabeth zu ermorden, zumindest nicht dagegen war, als es ihr vorgeschlagen wurde.

AR: Ja, aber sie war ja auch schon 15 Jahre im Kerker, irgendwann ist ja auch mal gut. (alle lachen)

NM: Also, du siehst, auch am Tisch bringt’s nicht so richtig was. Das ist einfach schwierig mit den beiden.

JS: Aber ich finde, das ist trotzdem eine gute Frage, die immer mitschwingt, weil man sich ja immer fragt, was sich verändern müsste, damit es zu einer friedlichen Lösung kommt.

 

Fotos: Natascha Mamier, Alexandra Riemann, Lea Redlich, Jan Steinbach

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