Premiere: Samstag 17. September 2016, 19:30 Uhr Detmold, Landestheater
Dauer: ca. 130 Minuten ohne Pause

Ticket-Hotline:
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Dantons Tod

Drama von Georg Büchner

Ist es legitim, die eigenen gesellschaftspolitischen Vorstellungen anderen gewaltsam aufzuzwingen? Wann muss (Gesinnungs-)Terror mit Gegengewalt beantwortet werden? Wie soll man mit Fanatikern umgehen, die ihre Überzeugungen mit brutalen Mitteln durchzusetzen suchen? Die Fragen, die Georg Büchner in »Dantons Tod« aufwirft, sind leider zeitlos und höchst aktuell. Revolutionsführer Georg Danton ist in Büchners Drama fünf Jahre nach Beginn der sozialen Umwälzung in Frankreich müde des Tötens und möchte die Schreckensherrschaft beendet wissen. Für seinen Weggefährten Robespierre bleibt hingegen Gewalt das legitime Mittel zur Verwirklichung der politischen Ziele. Mit Gegnern wird nicht diskutiert, sie werden liquidiert, und wer nicht eindeutig für diese Ziele ist, wird zum Staatsfeind erklärt.

 

Geschrieben 1835, uraufgeführt erst 1902, hat Büchners analytisches und aufwühlendes Stück einen festen Platz auf den Spielplänen der Theater.

Trailer

 

Inszenierung: Martin Pfaff

 

Ausstattung: Mathias Rümmler

 

 

Wiederaufnahme: Samstag, 17. September 2016, 19.30 Uhr, Landestheater


Martin Pfaff holt Georg Büchners Drama in Detmold ganz nah an uns heran

 

\[...] Mit der alles verdeckenden Flagge hat Mathias Rümmler einen extrem aufgeladenen Raum für Martin Pfaffs Inszenierung von Georg Büchners fatalistischem Revolutionsdrama geschaffen. An diesem Ort ist kein Schritt nur ein Schritt und kein Wort nur ein Wort. Alles, was wir heute über die französische Revolution und die Zeit seither wissen, ist in diesem auf den ersten Blick so simplen Bühnenbild präsent. Die Fahne und ihre Farben reichen aus der Vergangenheit heraus in unsere Gegenwart. Pfaff und Rümmler verstehen Büchners Stück nicht als ein Historiendrama. Für sie ist es eher ein zeitloses Lehrstück über Ereignisse und Vorgänge, die sich zu den unterschiedlichsten Zeiten und an den unterschiedlichsten Orten wiederholen.

 

So treten Markus Hottgenroth, Stephanie Pardula, Lukas Schrenk, Robert Oschmann und Marie Luisa Kerkhoff zu Beginn zwar schon in den Kostümen von Danton, Julie, Camille, Philippeau und Herault-Séchelles auf. Aber die Texte, die sie zunächst sprechen, stammen von Peter Handke: "Statt Sie könnten wir unter gewissen Voraussetzungen auch wir sagen." Vor dem zweiten "Wir" machen die fünf allerdings eine sehr lange Pause. Es ist ein großer, ein folgenschwerer Schritt, der von dem "Sie" zum "wir" führt. Vielleicht weniger für die Spieler auf der Bühne, aber für das Publikum ganz gewiss. Dabei geht es keineswegs um eine Beschimpfung, die bei Handke durch das "wir" einfacher wird, und auch nicht um eine einfache Form von Einfühlung.

 

Identifikation ist nicht Pfaffs Intention. Er will vielmehr einen gemeinsamen Denkprozess anstoßen. Die oben auf der Bühne und die unten im Saal sollen eins werden in der Reflexion der Geschehnisse, die 1794 zu der Hinrichtung von Danton und seinen Verbündeten führen mussten - wobei dieses "mussten" mit einem großen Fragezeichen versehen ist. Bei Büchner heißt es einmal: "Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse!" Bei Martin Pfaff dreht sich dieser Satz um: "Setzt die Leute aus der Gasse ins Theater!" Denn in diesem ganz besonderen Raum, der die Zeit überwindet, in dem das Vergangene wieder Gegenwart sein kann, eröffnen sich neue Perspektiven für das Sehen wie das Denken. Wie von Handke beschrieben und gefordert, spricht und spielt Pfaffs Ensemble immer wieder direkt zum Publikum. Markus Hottgenroths Danton und Hartmut Jonas' Robespierre mögen die Antagonisten des Stücks sein, aber ihre Ansprechpartner sind die Zuschauer. Und sie sind wiederum deren Spiegel.

 

Das Spiel von Hottgenroth und Jonas wirkt trotz ihrer leicht historisierenden Kostüme vollkommen gegenwärtig. Beide verkörpern Facetten heutiger psychologischer Zustände. Hottgenroths Danton befindet sich in einem Stadium fortwährender Müdigkeit. Er ist überfordert von den Umständen und traumatisiert von allem, was er getan hat. Nicht zufällig ist sein hellbrauner Leinenmantel bis fast zur Hüfte mit roter Farbe, Blut, getränkt. Ihm fehlt die Kraft und der Wille etwas zu verändern. Selbst wenn Hottgenroth seine sonst meist sanfte, leicht ermattete Stimme dann doch einmal lautstark erhebt, schwingt in seiner Intonation eine tiefe Skepsis mit. Die Worte kommen noch über seine Lippen, aber sie haben keine Kraft mehr. Auch Jonas' Robespierre ist offensichtlich ein Überforderter. Wenn er alleine ist, bricht dieser Kämpfer der Tugend regelrecht zusammen. Dann verfolgen ihn unsichtbare Geister, die ihn hetzen und zerstören. Seine Reden sind keine Alternativen zu Dantons Fatalismus. Sie sind nur dessen Kehrseite, Hyperaktivität, die genauso ins Leere führt. Die Ideale der Revolution und ihre Hoffnungen gehen den gleichen Weg wie der Schrecken und die Tugend, über alle legt sich das dreifarbige Leichentuch.

 

Nachtkritik

 

\[...] Da ist Georg Danton, ein Genussmensch, vor allem wenn es um Weiblichkeit geht. Des Mordens müde, versucht er vergeblich, die bisherige Schreckensherrschaft in eine gemäßigtere Staatsform umzuwandeln. Doch mit aller Schärfe tritt ihm Maximilien Robbespierre gegenüber, Schreibtischtäter und Tugendwächter in einer Person. Dazu ein Hypochonder, der sein erotisches Verlangen nach dem jungen Camille kaum zu unterdrücken vermag. Markus Hottgenroth und Hartmut Jonas erweisen sich in der Regie von Schauspieldirektor Martin Pfaff als faszinierende und ebenbürtige Kontrahenten. Eine riesige, bereits befleckte Tricolore dient als Bühnenvorhang. Und vor der französischen Nationalflagge spielt sich ein großer Teil des Geschehens ab, bevor sich die von Matthias Rümmler gestaltete Szene in ein düsteres Verlies wandelt. Wer hier an beiden Orten diskutiert, hat den Willen zur Veränderung eines unhaltbaren, mörderischen Zustands. Gibt es nicht die Möglichkeit, den "neuen Menschen" und damit eine bessere Gesellschaft zu erzeugen?

 

Die radikaleren Vertreter halten dagegen, dass "wir nicht grausamer sind als die Natur und die Zeit". Wieder einmal endet hier eine vorerst edle Absicht in Blut, Tränen und Zerstörung. Es bleibt nicht aus, dass sich auch einstige Weggefährten bis aufs Guillotine-Messer bekämpfen. Und so werden auch die Anstifter der Revolution, von denen sich einige zu regelrechten Ungeheuern entwickelt haben, in den Abgrund gerissen.

Das gilt vor allem für Danton, der seinen Platz im "Pantheon der Geschichte" sieht und nun fassungslos vor der Tatsache steht, dass man auch ihn ins Gefängnis geworfen und verurteilt hat. Die Kokarde der Jakobiner am Revers trägt nicht nur der großartige Henri Klinder als Simon. Sie schmückt auch die Disputanten Recardo Koppe, Robert Oschmann, Lukas Schrenk und Adrian Thomser in der Verkörperung ganz unterschiedlicher Charaktere. Ihnen zur Seite stehen die Frauen, angeführt von der aparten Stephanie Pardula, dazu Karoline Stegemann und Marie Luise Kerkhoff.

 

Immer wieder greift die Musik von Frank Niebuhr in die Handlung ein - als bedrohliche Geräuschkulisse, verzerrte Marseillaise oder in englischen Songs. \[...]

 

Lippische Landes-Zeitung

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