Premiere: Freitag 19. Mai 2017, 19:30 Uhr Detmold, Landestheater
Dauer: ca. 175 Minuten mit 1 Pause

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Am Strand der weiten Welt

Schauspiel von Simon Stephens

Die Holmes sind eine glückliche Familie. Peter leitet die Firma seines Vaters und restauriert alte Häuser, seine Frau Alice kümmert sich um die zwei Söhne Alex und Christopher. Es ist ein friedlicher Sonntagmorgen. Alex und seine Freundin Sarah wollen ins nahe Manchester, Freunde treffen. Christopher radelt zum Flughafen, den an- und abfliegenden Maschinen zuschauen. Doch die Wochenend-Idylle findet ein jähes Ende, als ein Unfall passiert und das Leben der Familie für immer verändert. Nichts wird wieder so sein wie zuvor...

 

Simon Stephens lässt uns mit scheinbar zufällig ausgewählten Augenblicken am Leben einer Familie teilhaben, bringt das Ungesagte, Hintergründige in ihrem Zusammensein zum Vorschein. Seine 2006 mit dem Laurence Olivier Award ausgezeichnete Familiensaga ist ein berührendes Stück über die Erschütterung, die ein Todesfall innerhalb einer Familie auslöst, aber mindestens ebenso eines über die tröstende und erlösende Kraft der Liebe.

Trailer

 

Inszenierung: Martin Pfaff

Ausstattung: Petra Mollérus

 

Einführungsmatinee: Sonntag, 14. Mai 2017, 11.30 Uhr, Bezirksregierung Detmold, Leopoldstr. 15

 

Premiere: Freitag, 19. Mai 2017, 19.30 Uhr, Landestheater


Alles kreist um eine Tragödie. (...) Dennoch beginnt "Am Strand der weiten Welt" ganz und gar undramatisch (...). Zwei Teenager sind nachts im Bus auf dem Weg nach Hause. Sarah würde gerne noch irgendwo weiter feiern. Alex, Christophers älterem Bruder, reicht es für den Abend. Sie ist zwar ein Jahr jünger als der 18-Jährige, aber deutlich forscher und neugieriger. Sarah möchte Erfahrungen sammeln, das Leben in jedem Augenblick auskosten. (...)

Schon in dieser ersten Szene seines Familien- und Generationenstücks legt Simon Stephens seine Karten mehr oder weniger offen auf den Tisch. "Am Strand der weiten Welt" konzentriert sich ganz gezielt auf alltägliche Situationen und Momente. Natürlich sind es die großen Schicksalsschläge und tragischen Ereignisse, die ein Leben von Grund auf verändern und Menschen aus der Bahn werfen können. Aber im Alltag, diesem fortwährenden Strom meist eher banaler Handlungen und Erlebnisse, entscheidet sich, ob die, die es tatsächlich aus der Bahn geworfen hat, ihre Spur wiederfinden.

In Martin Pfaffs Inszenierung, deren Premiere das in diesem Jahr vom Landestheater Detmold ausgetragene NRW-Theatertreffen eröffnet, lenkt nichts von Stephens' extrem präzise fokussierten Momentaufnahmen ab. Weißer Stoff, der nach hinten hin in einer geschwungenen Bewegung bis zum Schnürboden reichenden Wand wird, bedeckt den Bühnenboden. Acht Stühle und drei Paletten mit Bierdosen, mehr braucht es nicht, um die unterschiedlichsten Räume und Orte anzudeuten. Dieses beinahe schon abstrakte Bühnenbild vergrößert jede Regung der Schauspielerinnen und Schauspieler. So reichen Pfaff und seinem Ensemble schon kleine Gesten, um eine maximale Wirkung zu erzielen.

(...)

Wie Wenja Imlau in der ersten Szene unaufhörlich die Nähe zu Lukas Schrenk sucht, wie sie alles daransetzt, ihn zu lenken, wie er sich versteift und sich ihr wieder und wieder entzieht, hat fast schon etwas von einem Tanz. Die Choreographie ihrer Bewegungen erzählt auf eine unspektakuläre und doch poetische Weise von den Sehnsüchten und den Unsicherheiten der Jugend, von Ungeduld und Angst, und gibt damit den Ton der Inszenierung vor. Ihr ewiges Pas de deux von Nähe und Distanz, von Zärtlichkeit und Zurückweisung, ist eben nicht nur Ausdruck ihres Alters. Es prägt ebenso die Beziehung von Alex' Eltern Alice und Peter wie die von seinen Großeltern Ellen und Charlie.

In Stephens' Stück, in dem sich Optimismus und Fatalismus die Waage halten, sind die Söhne immer auch die Wiedergänger ihrer Väter, und doch haben sie die Chance es anders und besser zu machen. Diese Konstellation, die unentwegt mit Spiegelungen und Brechungen spielt, könnte leicht zu einem lähmenden Konzept werden. Schließlich lenkt Stephens ständig den Blick auf die Gemeinsamkeiten zwischen Alex, Peter und Charlie, die dann auch noch ihr Echo in den Parallelen zwischen Sarah, Alice und Ellen finden. Aber Pfaff weicht den Fallstricken des Stücks geschickt aus. Das übergeordnete Konstrukt bleibt im Hintergrund. Der Fokus liegt ganz auf den einzelnen Szenen, in die sich das Ensemble rückhaltlos hineinfallen lässt. So entstehen ungeheuer eindringliche Miniaturen, in denen kleine Gesten mehr als tausend Worte erzählen. (...)

Oberflächlich scheint (...) in der Familie Holmes alles in Ordnung zu sein. Doch in Wahrheit kriselt es schon länger in Peters und Alices Ehe. Davon zeugt etwa die ungeschickte Art, in der Stephan Clemens' Peter seiner Frau einen Kuss gibt. Dieser traurige Versuch, eine Intimität herzustellen, die längst nicht mehr da ist, provoziert die entsprechende Reaktion. Natascha Mamier wischt sich daraufhin ganz beiläufig den Mund ab. In einer späteren Szene gibt sie Peter dann den Kuss, den er von ihr fordert, allerdings mit einer solchen Gewalt, dass er fast einem Schlag gleicht.

Es ließen sich noch zahlreiche Szenen wie diese aufzählen. Immer wieder gelingen allen Schauspielerinnen und Schauspielern Momente von überwältigender Eindringlichkeit und Natürlichkeit. Kaum etwas ist schwerer, als Leid und Trauer auf der Bühne darzustellen. Wie schnell werden Gesten zu groß und Schreie zu laut, aber nicht in dieser Inszenierung. Lukas Schrenk, Stephan Clemens und Natascha Mamier nähern sich dem Schmerz, den Alex, Peter und Alice (...) empfinden, auf unterschiedlichste Weise. Während Lukas Schrenk ihn in seinen roboterhaften Bewegungen auszublenden scheint und Stephan Clemens in seinen emotionalsten Momenten wie gelähmt wirkt, ertrinkt Natascha Mamiers Alice in ihrem Leid regelrecht. Wie die drei um ein Leben nach dem Verlust ringen, hat dabei etwas Kathartisches. Dass das Leben weitergeht, ist eben nicht nur eine Platitüde.

 

Sascha Westphal, ?option=com_content&view=article&id=14024:am-strand-der-weiten-welt-martin-pfaff-eroeffnet-mit-simon-stephens-familienstueck-das-nrw-theatertreffen-in-detmold&catid=38&Itemid=40]nachtkritik.de

 

Nirgends ist man einsamer als in einer Familie. Mit Simon Stephens' Familienstück "Am Strand der weiten Welt" hat das Landestheater Detmold das NRW-Theatertreffen eröffnet. Das Publikum erlebte eine so berührende wie beklemmende Premiere.

Vater, Mutter, zwei Söhne, die erste Freundin, die Großeltern: Familie Holmes lebt in Stockport. Dann lässt ein Unglück die vermeintliche Normalität kippen (...).

Mit dem Unglück bestätigt sich die Ahnung, dass schon vorher nicht alles gut war. Zur Einsamkeit gesellt sich der Schmerz und wird von den Figuren höchst unterschiedlich ausgelebt. Bruder Alex nimmt sich zurück, wie maschinengesteuert wirkt Lukas Schrenks Agieren auf der Bühne. Vater Peter kapituliert vor den Gefühlen, die sich diesmal nicht durch Witze und Kumpelhaftigkeit übermalen lassen. Und Natascha Mamier in der Rolle von Mutter Alice strampelt verzweifelt, um nicht unterzugehen in der sie überrollenden Welle des Schmerzes.

Simon Stephens Dialoge sind stark - gerade weil sie ohne allzu viele Worte auskommen. Regisseur Martin Pfaff und seine Darsteller setzen auf zarte, aber sprechende Gesten, eine Handbewegung nur, und doch ist alles klar. Dass die Gesten wirken können, dafür sorgt Ausstatterin Petra Mollérus mit einem überaus reduzierten Bühnenbild. Ein paar Stühle, ein Stapel Paletten mit Dosenbier und eine weiße Stoffbahn, die der Bühne Weite gibt, die hier auch Haltlosigkeit bedeutet: Das reicht. Nichts, was vom Tun der Schauspieler ablenken könnte. Und die leisten Grandioses an diesem Abend. (...)

Und Pfaff hat den perfekten Umgang mit dem Stoff gefunden: Er bleibt zu jedem Zeitpunkt im Moment. Im Moment, der jetzt ist und durchlebt werden will. Aus solchen Momenten setzt sich das Leben zusammen. Das endlos scheint, aber doch - nichts ist sicherer - enden wird. Auch diese Endlichkeit schwingt mit, in jedem Moment. Harfenistin Milena Hoge entlockt ihrem himmlischen Instrument irdische Klänge, vermittelt zwischen den Welten, auch zwischen Resignation und Hoffnung.

Bleibt der Gedanke, dass ein paar Striche der Inszenierung gut getan hätten. Aber das geht eben nicht in einem Stück, das in Momentaufnahmen von der hohen Wahrscheinlichkeit erzählt, verloren zu gehen "am weiten Strand der Welt". Welcher Moment wäre da weniger wichtig als der andere, welcher ließe sich ersatzlos streichen?

Chapeau an das gesamte Ensemble!

 

Lippische Landes-Zeitung

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