Landestheater Detmold

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Madama Butterfly

Premiere 23.09.2011

Stationiert in Nagasaki, vertreibt sich der amerikanische Marineleutnant Benjamin Franklin Pinkerton die Zeit mit Cio-Cio-San, genannt Butterfly. 

Fasziniert von diesem Land, "in dem die Häuser so flexibel sind wie die Verträge", und der Möglichkeit, eine schöne Geliebte auf Zeit zu besitzen, missachtet er jegliche Warnungen und heiratet die junge Japanerin nach Landesbrauch. Für ihn ist sie auch nach diesem Bund nicht mehr als ein "Spielzeug", für Cio-Cio-San bedeutet dieser Akt aber den Bruch mit Familie und Tradition. Pinkerton indes kehrt, ganz im Stile heutiger Sextouristen, kurze Zeit später nach Amerika zurück, lässt die schwangere Cio-Cio-San zurück und ehelicht in der Heimat seine Verlobte Kate. Drei Jahre wartet "Butterfly" sehnsüchtig auf den Geliebten, ihr gemeinsamer Sohn wächst heran. Erst als Pinkerton mit seiner Frau nach Nagasaki zurückkehrt, um das Kind in die USA mitzunehmen, begreift sie, dass sie hintergangen wurde und nimmt sich das Leben.

Puccini beschreibt einen Kultur- und Geschlechter-Konflikt: Der Kolonialismus des Westens über die Kultur des Ostens verbindet sich mit dem rigiden männlichen Besitzanspruch, der der Frau keinerlei rechte zubilligt. Das Drama des Missbrauchs und Betrugs erzählt der Komponist mit einer äußerst sensiblen und filigranen Klangsprache, die mit Themen und Motiven im japanischem Stil und Instrumenten wie Gongs, Glocken und Glockenspielen fernöstliches Kolorit integriert. Uraufgeführt am 17. Februar 1904 in der Mailänder Scala, wurde die Oper bald Puccinis erfolgreichstes Stück. 

  

Einführungsmatinee: Sonntag, 18. September 2011, 11.30 Uhr, 

Detmolder Sommertheater

 

Vis-à-vis: Sonntag, 25. September 2011, 10.00 Uhr,

Ev.-ref. Erlöserkirche, Am Markt, Detmold, 

Pfarrer Burkhard Krebber

Kritiken

Musikalisch, sängerisch und darstellerisch ein Hochgenuss: Das Premierenpublikum zeigte sich am Freitagabend restlos begeistert von Puccinis "Madama Butterfly". 

Nur am Anfang verbindet erotische Faszination zwei Charaktere aus Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist der amerikanische Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton, ein typischer Yankee, unsensibel bis dreist den Bräuchen seiner frisch erworbenen japanischen Familie gegenüber. Seine Erwählte Cio Cio San, genannt Butterfly, ist dagegen geradezu panisch bemüht, westlichen Vorstellungen gerecht zu werden. Erst als sie viel zu spät ihre Lebenslüge erkennt, kehrt sie auf entsetzliche Weise zu den Ritualen ihres Kulturkreises zurück. 

Die Regisseurin Ute M. Engelhardt und Ausstatter Hinrich Horstkotte verlegten Puccinis vor 107 Jahren uraufgeführte "Tragedia giapponese" vom 19. Jahrhundert in die 1950er Jahre. Japan hat sich noch weiter dem Westen zugewandt, und immer bedrohlicher rückt die Skyline von Nagasaki an das fragile, zunehmend von Unrat bedeckte Idyll heran. Es besteht aus einer raffinierten, durch Lichteffekte belebten Konstruktion flexibler und transparenter Pergamentwände. Vor diesem kargen Hintergrund kommen die opulenten Kostüme, angeführt vom feuerflammenden Traditionsgewand des priesterlichen Onkels, umso mehr zur Geltung. 

Das Ereignis des Abends sind jedoch zwei stimmlich und optisch gleichermaßen überzeugende Sänger-Darsteller, die jeder großen Bühne zur Ehre gereichen. Marianne Kienbaum-Nasrawi erschüttert in ihrer Interpretation einer an ihrer Lebenslüge zerbrechenden jungen Frau. Arturo Martin begeistert mit wunderbar schlankem Tenor und italienischer Technik. Ihnen zur Seite überzeugt Evelyn Krahe als Dienerin Suzuki, vor allem im großen Blüten-Duett des dritten Aktes. Nicht minder eindrucksvoll geben sich unter anderem Andreas Jören als gegen unsichtbare Wände ankämpfender Konsul und Markus Gruber als öliger Vermittler von Menschen und Immobilien. Dazu kommt der wieder trefflich von Marbod Kaiser präparierte Chor. Am Pult erschafft Erich Wächter mit dem Sinfonischen Orchester des Landestheaters ein fein ziseliertes Klangwunder, angesiedelt zwischen echter und nachempfundener japanischer Tradition. In lyrischer Weise verknüpft es die Welten zu einem einheitlichen Tongemälde. Nicht nur die Protagonistin stirbt in dieser glanzvollen Inszenierung. [...]

Lippische Landes-Zeitung

 

Eine gealterte Suzuki betritt gebeugt die Bühne mit der aktuellen Nagasaki-Skyline; Schnitt: Flexibel verschiebbare alt-japanische Papierwände konstruieren einen fragilen wehrlosen Handlungsraum. Abläuft die skrupellose Inbesitznahme der zarten Butterfly, die brutale Verachtung gefühlter Traditionen und kultureller Konventionen durch den hemmungslosen „Yankee“ – endend mit Butterflys Demütigung und ihrem wild entschlossenen Selbstmord. Suzuki erschießt den Frevler.

Ute M. Engelhardt gelingt als Regisseurin die Gratwanderung zwischen menschlicher Tragödie und kulturellen Differenzen mit der konsequenten Logik finaler Gewalt. Deutlich wird: Die Einzelnen sind Objekte nicht beeinflussbarer Mächte!

Konfrontationen besitzergreifender Rituale und hilfloser Versuche der Abwehr werden zu  emotionsreichem Bühnenhandeln!

Hinrich Horstkotte baut konkret-imaginäre transparent-begrenzende Wände à la japonaise, erzeugt mit überdeckenden Tüchern Impressionen eins Leichenfelds, lässt den Priester Bonzo in wallend-aggressiven, blutroten Tüchern als Rache-Engel erscheinen, verengt den Horizont zur ausweglosen Kammer – lässt dramatisierend in erregenden Augenblicken die monumentale Skyline-Projektion sichtbar werden.

Erich Wächter leitet das Detmolder Symphonische Orchester zu einem differenzierenden Gesamtklang – ohne sentimentalen Grundton, dafür mit verstörenden Dissonanzen: Eine musikalische Interpretation der Puccini-Intentionen, in absoluter Übereinstimmung mit dem so ambivalent-dramatischen Bühnengeschehen – und mit Betonung der hörbaren virtuosen Kompetenzen der Instrumentengruppen des bravourös aufspielenden Orchesters!

Ein hinreißend agierendes und singendes Solisten-Ensemble lässt den Abend zur Demonstration „großen Musiktheaters“ werden:

Arturo Martin ist der kaltschnäuzig-geile Pinkerton, verfügt über einen kraftvollen Tenor, der mit eher metallischem Klang niemals in verquaste Lyrismen verfällt, dabei aber in der Lage ist, stimmliche Herausforderungen brillant-perfekt zu meistern. Marianne Kienbaum-Nasrawi ist eine unbegriffen hingegebene Butterfly – mit emotionalisierendem Sopran, ohne Probleme in den geforderten Schwierigkeiten, agil in den Höhen, ausdrucksstark in der Mittellage. Andreas Jören beeindruckt als Pseudo-Gentleman Sharpless mit zuverlässigem Bariton – souverän im Parlando, sicher in den typischen Arien. Die junge Evelyn Krahe gibt der ältlichen Suzuki devote Struktur, fasziniert mit einem ungemein wandlungsfähigen Mezzo, der sich durch klangschöne Intonation in allen Lagen auszeichnet! Markus Gruber überzeugt mit variabler Stimmgebung als kriecherischer Agent Goro. Dirk Aleschus ist die elementare Stimme des „Onkel Bonzo“. 

Beeindruckend die sängerische Kompetenz der Detmolder Solisten – und die Präsenz des Opernchors in der Einstudierung von Marbod Kaiser.

Das so sympathisch-kenntnisreiche Detmolder Publikum reagiert emphatisch: folgt sehr konzentriert und steigert den begeisterten Schlussapplaus bis zu standing ovations!

opernnetz.de

 

[...] 

Puccinis Musik spricht direkt die Emotionen an, und das kann sie in Detmold mit all ihrer gewaltigen Kraft, weil die Regie auf alles verzichtet, was die Aufmerksamkeit von Musik und Handlung ablenken könnte. Die Geschichte ist ohnehin zeitlos: Eine Frau wird von einem Mann verlassen, einander fremde Kulturen verstehen sich gegenseitig nicht. Da ist eine Aktualisierung überflüssig, und abgesehen von einem Überraschungseffekt am Schluss sowie einer gealterten, das ganze Geschehen beobachtenden Suzuki am Bühnenrand folgt die Regisseurin Ute M. Engelhardt schlicht den Vorgaben bis in kleine Details. Wer möchte, kann dennoch hin und wieder kleine besondere Einfälle entdecken. So bewegt sich zum Beispiel Cio-Cio-San bei ihrem ersten Auftritt rückwärts über die Bühne, sieht also nicht, welchem Schicksal sie entgegen geht.

Dazu passt die Bühnenausstattung von Hinrich Horstkotte. Cio-Cio-Sans Haus besteht aus dünnen japanischen Wänden, die sich verschieben lassen und fast steril wirken. Die Kostüme sind nicht übermäßig prachtvoll, aber doch den Rollen entsprechend. Cio-Cio-San in weißen Gewändern, Pinkerton in Uniform, Sharpless als Diplomat mit hellem Anzug und Weste, der windige Goro mit weitem Hawaiihemd. Lediglich Cio-Cio-Sans Onkel, der sie nach ihrem Übertritt zum Christentum verstößt, erscheint in gewaltiger Aufmachung und tiefrot angestrahlt als großer, schrecklicher Dämon.

Musikalisch ist die Detmolder 'Butterfly' ebenfalls beachtlich. Im ebenso kleinen wie hübschen historischen Theater klingt die Balance von Orchester und Sängern fast optimal. Dem Orchester gelingt unter der Leitung von Erich Wächter trotz kleiner Besetzung ein echter Luxus-Puccini. Ziemlich präzise ergießt sich eine Klangwoge nach der anderen aus dem Graben. Das Sängerensemble wirkt insgesamt erfreulich ausgewogen, Ausfälle gibt es keine. Etwa Arturo Martín als Pinkerton:[...] er verfügt über eine sichere und klare Höhe und meistert seine Partie mehr als solide. Evelyn Krahe als Dienerin Suzuki überzeugt mit sehr dunklem und weichem Mezzo, in der Farbe ebenso angenehm ist die des Baritons Andreas Jören als Sharpless. Die anstrengende Titelrolle jedoch wird von Marianne Kienbaum-Nasrawi besonders überzeugend ausgefüllt. Im zweiten Akt, wenn Butterfly immer hartnäckiger an die Rückkehr Pinkertons glaubt, während allen um sie herum und vor allem auch dem Publikum ihr trauriges Schicksal längst klar vor Augen ist, wirkt ihr Gesang ungemein anrührend, und auch als Schauspielerin gestaltet sie Butterflys Tragödie sehr intensiv. Taschentücher bereithalten!

 

klassic.com

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Besetzung

Musikalische Leitung
Erich Wächter

Regie
Ute M. Engelhardt

Ausstattung
Hinrich Horstkotte

Chor
Marbod Kaiser

Dramaturgie
Elisabeth Wirtz

 

Madama Butterfly (Cio-Cio-San)
Marianne Kienbaum-Nasrawi

Suzuki, Cio-Cio-Sans Dienerin
Evelyn Krahe

Kate Pinkerton
Rita Gmeiner

J.B. Pinkerton
Arturo Martín

Sharpless, Konsul
Andreas Jören

Goro, Nakodo
Markus Gruber

Der Fürst Yamadori
Michael Klein

Der Priester, Onkel Cio-Cio-Sans
Dirk Aleschus

Yakusidè, Onkel Cio-Cio-Sans
Hoe Chun Kim

Der kaiserliche Kommissar
Kyung-Won Yu

Der Standesbeamte
Kyung-Won Yu

Die Mutter Cio-Cio-Sans
Ulyá Tekrin-Brux

Die Tante
Christine Friedek-Dwornik

Die Kusine
Annette Blazyczek

Das Kind
Joey Bongartz / Oliver Henken-Mellies / Eva Pahne / Jassna Weber

 

Regieassistenz
Sebastian Gruner

Inspizienz
Marco Struffolino

Soufflage
Dietlind Eger

 

Symphonisches Orchester, Chor, Extra-Chor, Statisterie des Landestheaters Detmold

 

Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge.
Änderungen vorbehalten!

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