
01.06.2013
20:00 bis ca. 22:40 Uhr
1. Pause ca. 21:15 Uhr
Heinz-Hilpert-Theater Lünen
Wiederaufnahme
Macbeth wird von Hexen prophezeit, einst werde er über sein Land herrschen – so beginnt eine der blutigsten Geschichten Schottlands, unsterblich gemacht von William Shakespeare und kongenial vertont von Giuseppe Verdi. Für Lady Macbeth erfüllt sich die Prophezeiung der Hexen nicht schnell genug, sie hilft dem Schicksal nach. Sie stiftet ihren Gemahl zum Mord an dem amtierenden König Duncan an. Doch Gewalt zieht Gewalt nach sich, auch während der Schreckensherrschaft des machtbesessenen Paares, die das ganze Land verwüstet, bis die beiden an der Last ihrer Schuld zugrunde gehen.
„Macbeth“ nimmt eine herausragende Stellung unter den frühen Werken Verdis ein: der Komponist ringt um einen Gesangsstil theatraler Wahrhaftigkeit und entfernt sich damit von der Belcanto-Tradition. Das packende dramatische Zentrum, die Schlüssigkeit des Librettos, die musikalische Identität der Charaktere, die enge Wechselbeziehung von Wort und Ton sind wegweisend für das Musikdrama im modernen Sinn.
Musikalische Leitung: Erich Wächter
Inszenierung: Kay Metzger
Wiederaufnahme: Dienstag, 29. Januar 2013,
19.30 Uhr, Landestheater
Treibstoff der Geschichte: Blut
Drei Requisiten spielen die Hauptrolle. Das erste ist ein Messer, eines im Dauereinsatz. Das zweite Requisit hat direkt damit zu tun: Theaterblut steht eimerweise parat und fließt in Strömen. Das dritte Requisit ist ein langer fahrbarer Tisch. Dazu ein paar Stühle und einige Kleinigkeiten mehr. Das ist nicht viel für Verdis Macbeth – und doch genug für Regisseur Kay Metzger und Ausstatterin Petra Mollérus, eine packende Geschichte um Macht und Geltung zu erzählen. Gleich zu Beginn dreht sich der markante Tisch um seine Mittelachse, an einem der beiden Enden steckt das Messer im Holz. Bald segnet das erste Opfer das Zeitliche – ein Schnitt durch die Kehle tötet König Duncan, den Macbeth flugs beerbt. Während der ersten zehn, fünfzehn Minuten zieht immer wieder jene Person Aufmerksamkeit auf sich, die von Zeit zu Zeit mit Kreide an der Rückwand der Bühne Worte auf eine Tafel schreibt: „Schön ist scheußlich, scheußlich ist schön“ und so weiter. Immer wieder kommt das Schwämmchen und putzt aus, die Kreide schreib Neues. Das lenkt anfangs ab von den Darstellern, vom Geschehen, von der Musik. Bis zu dem (schnell erreichten) Zeitpunkt, da das Beschreiben der Tafel für einen selbst in den Hintergrund gerät. Und so soll es wohl auch sein: das schreibende Fräulein in Schwarz mit weißer Schürze und Häubchen hat nämlich keine andere Funktion als kurze und knappe Inhaltsangaben zu liefern. Das ist wie ganz früher beim Stummfilm, wenn die Filmsequenz von Schrifttafeln unterbrochen wurde. Und zu einem Teil erinnert die ganze Ästhetik dieser Inszenierung auch an dieses Mittel der Stummfilmzeit: das der Übertreibung. Um Emotionen wirklich deutlich werden zu lassen, dramatische Aktionen auch wirklich in ihrer Dramatik erfahrbar zu machen, musste übertrieben werden. Aber war es denn immer eine echte Tragödie, die sich da auf der Leinwand abspielte? Oder war es nicht gleichzeitig auch allerbeste und anspruchsvolle Unterhaltung? Beide Aspekte bringt Kay Metzger auf die Detmolder Bühne. Seine Lesart des blutrünstigen Stoffs changiert zwischen absolut Ernst zu nehmender Tragödie und einer perfekt erzählten Gruselstory aus der Feder von William Shakespeare, bei der man von vornherein weiß, das alles nur erfunden und gar nicht so schlimm ist. Andernfalls würde man wohl ohnmächtig. Dieses Changieren macht den ungemeinen Reiz dieser bestens gelungenen und cleveren Inszenierung mit immer wieder frappierenden Bildern aus. Worum es in diesem Fall nicht geht: das Ausloten der Motivationen der Figuren, des monströsen Machtdrangs des Ehepaares Macbeth. „Blut ist der Treibstoff der Geschichte“ ist im Laufe des dritten Aktes eine Zeit lang hinten auf der Tafel zu lesen. Macbeth verbraucht von diesem Treibstoff jede Menge – bis er ihn schließlich literweise eingeflößt bekommt. Dennoch ist der Blutdurst, der sich vom Machtstreben längst emanzipiert hat, schier unstillbar. Lady Macbeth wird von Wahnvorstellungen heimgesucht und bemüht sich vergebens, ihre Hände vom Blut der Gemordeten zu befreien. Da liegt sie bereits unter dem Tisch und deliriert. Grauenhaft schön! Wie auch die Darstellung der sich erfüllenden Prophezeiung, die Geister von acht Königen würden Macbeth erscheinen: nach und nach erblicken kleine gekrönte Püppchen das Licht der Welt unter dem „Ah“ und „Oh“ der Umstehenden, derweil die Kreide auf der Tafel Buch führt. Schauer und Humor – beides liegt dicht beieinander, hier und den ganzen Abend lang. Andreas Jören identifiziert sich mit Hingabe und voller stimmlicher Energie mit der Titelpartie: ein skrupelloser Machtbesessener – am Ende aber auch ein Gescheiterter, der sich dem Schicksal fügt. Das ist in Jörens Darstellung unmittelbar zu spüren. Seinen Kompagnon Banquo gibt Vladimir Miakotine, der damit wieder einmal eine auf ihn perfekt zugeschnittene Rolle stattlich ausfüllt und klanglich durchweg pures Gold verströmt. Brigitte Bauma ist die fürchterliche Lady Macbeth und spielt sie auch so – in ihrer ganzen Brutalität, in ihrer Zerbrechlichkeit. Klanglich schießt sie indes mit ihrem rau timbrierten Sopran oftmals übers Ziel hinaus. Da klingt manches nach Wagner für eine Riesenbühne – statt nach Verdi für ein klein dimensioniertes Haus wie Detmold. Johannes Harten als Macduff – auch er gerade unter anderem in Wagners Ring beschäftigt – lässt seinen Tenor glühen, mitunter etwas zu sehr und zu forciert. Prächtig in Form sind der Opernchor, der Extrachor und die Statisterie. Die schlüpfen immer wieder hurtig in die aktuell geforderten Rollen: mal Hexen, mal Bankettbesucher, mal Soldateska. Jörg Pitschmann am Pult des Orchesters des Landestheaters koordiniert das Oben der Bühne und das Unten des Grabens sehr gut. Da gibt es keine Probleme. Den letzten klanglichen Schliff indes darf das Orchester noch bekommen.
Christoph Schulte im Walde für opernnetz.de
Blutige Gier nach der Krone
Es wird grandios gesungen in Verdis "Macbeth" im Landestheater. Kay Metzger hat das Stück mit radikaler Konsequenz in blutige Szene gesetzt. Freitagabend war die umjubelte Premiere. Detmold. Von Anfang an sind Mörder und Opfer mit Blut gezeichnet. Vor der goldenen Wand, in die eine Tafel für die sparsamen, aber völlig ausreichenden Hinweise zum italienisch gesungenen Geschehen eingelassen ist, dominiert ein riesiger Tisch. Er dient nicht nur für Mahlzeiten, sondern auch als Thron, Bahre und todbringendes Karussell. Denn griffbereit steckt in der Ausstattung von Petra Mollérus schon der Dolch im Holz. Die zwischen blutgefüllten Eimern und Schüsseln agierende, korrumpierte Schicksalsgemeinschaft giert nach Macht und Ruhm. Reminiszenzen an mittelalterliche Brustpanzer und das junge Personal von Hitlers Obersalzberg verweisen auf das zeitlos präsente Raubtier im Menschen. So verwandeln sich auch Raubtierfelle langsam in Insignien der Macht. Aus Handschuh, Gürtel und Weste werden bald prächtige lange Mäntel.Als sängerisch und darstellerisch herausragendes Königspaar von verstörender Präsenz agieren Brigitte Bauma und Andreas Jören auf der Bühne. Der auf Betreiben der Lady Macbeth gemeuchelte Banquo überzeugt in der Darstellung durch Vladimir Miakotine mit tiefschwarzem und profunden Bass. Nur eine einzige, dafür aber umso anrührender gestaltete Arie ist Johannes Harten als um seine Angehörigen trauernder Macduff beschieden.Das Orchester des Landestheaters findet unter der Leitung von Jörg Pitschmann die perfekte Balance in dem Stück, das hinlänglich als Verdis Schritt vom romantischen zum realistischen Musiktheater gewertet wird. Unheimlich gerät dabei die Untermalung der Wahnsinns-Szene: Stockendes Herzklopfen, Seufzer und chromatisch schleichende Bässe. Der durch einen Extrachor verstärkte Auftritt der Hexen als Macbeths böses Gewissen überzeugt in der Einstudierung durch Marbod Kaiser ebenso wie die tadellos besetzten Träger der kleineren Rollen.Kay Metzger findet in seiner Deutung des schottischen Shakespeare-Dramas bei aller Blutrünstigkeit immer wieder noch etwas Platz für makabren Humor. So geschehen bei der Party mit und ohne Banquo (im letzteren Falle bereits als Geist) und bei der Geburt der acht Könige seiner Dynastie.Die Gier nach der Krone, die am Anfang des Abends steht, wird weiter gehen. Daran lässt auch der nur angedeutete, sich bewegende Wald von Birnam am Ende keinen Zweifel – auch wenn er Macbeths Untergang verkündet. Mancher im Publikum, dem das Geschehen allzu blutig erschien, mag sich an den vor Jahrzehnten aufgeführten Film von Roman Polanski erinnern: Der Regisseur ging seinerzeit ungleich radikaler und deftiger zur Sache.
Ilse Franz Nevermann für Lippische Landes-Zeitung
Musikalische Leitung
Erich Wächter
Inszenierung
Kay Metzger
Ausstattung
Petra Mollérus
Choreinstudierung
Marbod Kaiser
Dramaturgie
Elisabeth Wirtz
Duncan
Sven Niemeier / Patrick Zimmermann
Macbeth
Andreas Jören
Banquo
Derrick Ballard
Lady Macbeth
Brigitte Bauma
Kammerfrau der Lady
Sarah Davidovic / Kisun Kim
Macduff
Emmanuel di Villarosa
Malcolm
Hyunseung You
Fleance
Ivano Castagna
Ein Arzt
Hoe Chun Kim
Ein Diener Macbeths
Hoe Chun Kim
Ein Mörder
Torsten Lück
Ein Bote
Hoe Chun Kim
Regieassistenz
Christian Jérôme Timme
Inspizienz
Marco Struffolino
Soufflage
Dietlind Eger
Symphonisches Orchester, Chor, Extra-Chor, Statisterie des Landestheaters Detmold
Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge.
Änderungen vorbehalten!
Landestheater Detmold GmbH / Theaterplatz 1 / 32756 Detmold / Tel. 05231/974-60 / Fax 05231/974-701 / info(at)landestheater-detmold.de
Besuchen Sie uns auch bei:
Facebook Twitter Vimeo