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Wiederaufnahme
Melodramma in drei Akten von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Roman La Dame aux Camélias von Alexandre Dumas d. J.
„Ich wüsche neue, grandiose, schöne, abwechslungsreiche ,kühne Stoffe“, meinte Verdi 1853 und entschied sich für den Roman „La Dame aux Camélias“ (Die Kameliendame) von Alexandre Dumas d. J. als Vorlage für sein nächstes Opernlibretto. Vorbild für Dumas‘ und auch Verdis Protagonistin war die berühmte Pariser Kurtisane Marie Duplessis, die 1847 23-jährig verstarb. Indem Verdi in seiner Oper das kurze, intensive Leben einer Kurtisane schildert, schuf er die erste Oper nach einem zeitgenössischen, sozial motivierten Stoff überhaupt: Die Prostituierte Violetta Valery entdeckt ihre wahre Liebe. Doch um den Ruf ihres Geliebten Alfredo Germont nicht zu gefährden, verzichtet sie auf Drängen seines Vaters Giorgio auf ihr Glück, kehrt zurück in die Halbwelt und erliegt bald darauf einer unheilbaren Krankheit. Zweifellos war das nicht nur ein neues, sondern auch ein gewagtes Sujet, welches das Publikum bei der Uraufführung in Venedig schockierte. Doch dank ihres Melodienreichtums und der bewegenden Geschichte feierte „La Traviata“ (Übersetzt: „Die Gefallene“ oder „Die vom rechten Weg Abgekommene“) bald danach ihre ersten Triumphe und zählt heute zu den populärsten Bühnenwerken überhaupt.
Und stetig rinnt der Sand
Giuseppe Verdis Oper "La Traviata" erlebt höchst stimmige Premiere im Landestheater
Der Sand rieselt unaufhörlich, reicht dem leicht bekleideten Frauenkörper im Glaskasten bis zu den Knöcheln, zum Knie, zu den Hüften. Am Ende des Abends wird die Figur komplett im Sand begraben sein, unfähig zu atmen, unfähig sich zu bewegen. Und Violetta wird an der Schwindsucht gestorben sein. Oder auch an den starren Schranken, die eine unbarmherzige Gesellschaft ihrer wahren Liebe in den Weg gestellt hat.
So schlüssig wie dieses Bild, das Regisseur Kay Metzger und Ausstatterin Petra Mollérus für ihre zentrale Aussage gefunden haben, kommt die gesamte Inszenierung daher. Ein Stoff, der so viel inneren Aufruhr der Protagonisten birgt, braucht weder eine Extra-Portion Dramatik noch Pomp und Prunk. Bühne und Kostüme hat Mollérus in Schwarz und Weiß mit ein paar kamelienroten Akzenten gestaltet. Eine klare, edle Kulisse, vor der die innere Zerrissenheit der Protagonisten gut zur Geltung kommt.
Toll: die gläserne Kaufhaus-Drehtür, deren Zentrum jener Glaskasten bildet, der sich nach und nach mit Sand füllt. Die Drehtür ist Trennwand und Schleuse zwischen bürgerlicher Gesellschaft und jener Halbwelt, der Edelkurtisane Violetta unwiderruflich angehört; sie gibt braven Bürgern die Gelegenheit, sich die Nasen am Schaufenster der käuflichen Liebe platt zu drücken - und sie sorgt für Bewegung im Operngeschehen. Einzig die Bedeutung des Schleiers, hinter dem das Ensemble über weite Strecken agiert, erschließt sich nicht wirklich.
Das kleine Mädchen, das arglos dem Luftballon nachläuft, den ihr der lüsterne Herr ganz sicher nicht ohne Gegenleistung überlassen wird; die Jugendliche im aufreizenden Outfit, die von Männern bedrängt wird: Zwei stumme Bilder, und Metzger hat seinen Zuschauern die Vorgeschichte Violettas erzählt. Zeit für ihren Auftritt: Daniela Bruera ist eine großartige Violetta. Ihr beweglicher, vielfarbiger Sopran verleiht der Liebesheiterkeit der Protagonistin ebenso glaubwürdig Stimme wie ihrer Verzweiflung, ihrer Sehnsucht und ihrer inneren Stärke. Per Håkan Precht kann seinem Tenor ebenfalls mühelos die ganze Palette der Ausdrucksformen abverlangen. Ein starker Auftritt - auch gerade im Hinblick auf die Unausgeglichenheit, die Zerrissenheit, für die die Figur des Alfredo steht. Bariton Andreas Jören liefert einen höchst überzeugenden und frischen stimmlichen Auftritt ab und verkörpert authentisch den braven Familienvater Giorgio, der Violetta aus Sorge um die Zukunft seiner Tochter zum Verzicht auf ihre Liebe zwingt. Nicht per se herzlos, aber grund-egoistisch. Und einer, der, wie sein Sohn, im Netz der gesellschaftlichen Zwänge zappelt und erst in letzter Sekunde die Kraft findet, sich zu befreien. Hervorragend unterstützt wird das starke Trio durch die weiteren Ensemblemitglieder und den bestens aufgelegten Chor des Landestheaters (Einstudierung: Marbod Kaiser).
In Verdis großartiger Musik sind die vielen Farben dieser vor aufgewühlten Gefühlslagen nur so strotzenden Oper perfekt angelegt. Das Orchester des Landestheaters spielt unter Erich Wächters einfühlsamer Leitung mit edlem Schwung und Glanz, die Musiker legen aber auch immer wieder die bittere, geheimnisvolle Süße der Todesahnung in ihr Spiel, die als feiner Stimmungsschleier über der ganzen Oper liegt.
Als Violetta im letzten Bild ihre eigene Todesszene hochzeitsgleich arrangiert, die letzten Töne - leicht plakativ, aber letztlich dennoch stimmig - im aufrecht gestellten Sarg singt, erhalten die Zuschauer noch einmal einen klaren Eindruck von der inneren Stärke der Violetta, wie Metzger sie angelegt hat: Zuletzt geschieht alles so, wie sie es will. Alfredo und Giorgio sitzen neben der sterbenden Violetta, bitten sie um Verzeihung, und sie singt: "Nichts kann uns mehr trennen". Der Tod kann kaum härter sein als die Regeln einer herzlosen Gesellschaft, die sie durchlitten und überwunden hat.
Barbara Luetgebrune in der Lippischen Landeszeitung
Ein kurzes Leben
Da ist eine gehörige Portion Todessehnsucht vorhanden: Violetta weiß, dass sie sterben wird und sie wünscht den Tod herbei. Ihr Leben geht zu Ende wie vorher ihre große Liebe. Daran mahnt Ausstatterin Petra Mollérus mit einem offenen Sarg, der zu Beginn des dritten Aktes wie ein Mahnmal aufrecht auf der Bühne steht. In ihm wird die „Traviata“ ihr Leben aushauchen – und das getröstet im Kreise ihrer Lieben, die schon Kerzen angezündet haben. An dieser Stelle lässt der Detmolder Intendant Kay Metzger dem Kitsch vielleicht etwas viel Auslauf. Vorher gibt es in Detmolds neuer Traviata wohltuend wenig davon. Metzger spinnt energisch und vorwärtsdrängend die Geschichte einer Amour fou, die kaum dass sie begonnen hat schon beendet wird. Eine Drehtür ist das beherrschende Bühnenelement. Und mehr bedarf es auch fast nicht, um die Wechselfälle eines kurzen Lebens zu versinnbildlichen. Durch diese Tür kommen und verschwinden mit den Menschen auch Hoffnungen, Sehnsüchte und Ängste. Das ist so einfach und doch so klar und direkt. Schon in der Ouvertüre inszeniert Metzger den Weg Violettas vom verführten Kind zur Bordsteinschwalbe und zu der die Männer manipulierenden Kurtisane. Deshalb kann er sich im Folgenden auch auf die Beziehungen der Figuren untereinander konzentrieren. Das Liebespaar Violetta und Alfredo wird zum Fokus. Metzger legt so eine klar strukturierte, gut nachvollziehbare Deutung der Traviata vor, die sich perfekt sowohl an Verdis Partitur als auch an Piaves stringentem Libretto orientiert. Das Detmolder Regieteam weiß nicht zuletzt die Anforderungen an ein reisendes Landestheater wieder einmal bestens zu erfüllen. Diese Traviata hat ob ihrer gekonnten Schlichtheit das Zeug zu einem Exportschlager. Erich Wächter animiert das Symphonische Orchester des Landestheaters Detmold zu einer tollen Leistung: Federnd leicht ist ihr Verdi, ungetrübt im Tal der Tränen und himmelhochjauchzend im Hochgefühl der neuen Liebe. Daniela Bruera gelingt das Addio, del passato denn auch am besten. Per-Håkan Precht ist ein Tenor, der für Verdis Alfredo genau das richtige Timbre mitbringt. „Am besten war doch der Vater“, war nach Ende der Vorstellung vor dem Detmolder Theater zu hören. Und Andreas Jören rechtfertigt diese Aussage mit seinem ebenmäßigen, stets ausgeglichenen und perfekt kontrollierten Bariton. Sein auch darstellerisch äußerst überzeugend gelungener Germont ist ein mitleidender Mensch, kein brutaler Karrierist. Aus den kleineren Rollen ragt Evelyn Krahe hervor, deren nobler Alt der Flora Bervoix Gewicht und Statur verleiht. Kevin Dickmann (Baron Douphal) und Yo Sep Park (Gaston) agieren mit großem Selbstbewusstsein. Als neue Mitglieder des Detmolder Opernstudios geben sie einen prima Einstand. Das Publikum im nahezu ausverkauften Haus war ganz bei der Sache und applaudierte begeistert.
Thomas Hilgemeier für opernnetz.de
Stehender Tod im Sarg
„La Traviata“: Glanzvoller Opernabend
Einen glanzvollen Opernabend erlebten die Besucher im ausverkauften Konzert Theater am Dienstagabend mit Guiseppe Verdis Oper La Traviata, die das Landestheater Detmold in einer Inszenierung von Kay Metzger unter der musikalischen Leitung von Matthias Wegele aufführte. Diese Oper, die zu den beliebtesten Werken Verdis gehört, hält damals wie heute der Gesellschaft den Spiegel ihrer verlogenen Moral vor.
Zeitlos und einfach daher das Bühnenbild. Nichts lenkt die Zuschauer von der durchsichtigen Handlung ab, die in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Im Haus der Kurtisane Violetta Valéry (Daniela Bruera, Sopran) beginnt ein großes Fest. Der Student Alfredo Germont (Arturo Martin, Tenor), von Violetta in die Gesellschaft eingeführt, stimmt ein Trinklied an, wo Chor und die anderen Operndarsteller mit einsetzten – Szenenbeifall. Unvergessenen Melodien, wie das Duett „Un di felice / Eines glücklichen Tages“ und der Arie „È strano!, è strano. Follie! Delirio vano è questo! / Wie seltsam, wie seltsam. Unsinn, Unsinn! Das ist sinnlose Schwärmerei!“, folgen.
Der zweite Akt spielt in einem Landhaus nahe Paris. Die Bühne nur wenig verändert. Alfredo und Violetta sind zusammen gezogen und genießen das Zusammenleben. Alfredos Vater ist von dieser Liason nicht begeistert, weil man halt eine Kurtisane eben nicht liebt – und der Familienehre wegen. Alle Beteuerungen Violettas nützten nichts und so fügt sich und trennt sich von Alfredo.
Pure Dramatik schon zu Beginn des dritten Aktes. Ein Sarg wird auf die Bühne geführt. Violetta ist bereits schwer von der Krankheit gezeichnet und weiß, dass sie nur noch Stunden zu leben hat. Hoffnungslos gibt sie auf. Mit der Arie „Addio del passato / Lebt wohl jetzt“ erklingt die wohl schönste und intensivste Arie der gesamten Oper. Karnevalslärm dringt von außen herein. Im letzten Aufbäumen erinnern sich Alfredo und Violetta an ihre gemeinsame Zeit. Ihr Tod ist recht unspektakulär. Mit dem Ausruf „ich liebe, ich lebe!“ stirbt sie stehend im Sarg.
Das gesamte Ensemble hat einen geschlossenen und ausgezeichneten Eindruck gemacht. Besonders die Figuren der Violetta und Alfredo sind den hervorragenden Daniela Brunera und Arturo Martin auf den Leib geschrieben. „Ich bin noch ganz benommen von der schönen Musik“, sagte eine Besucherin im Pausengespräch. Endloser Beifall zum Schluss mit vielen Vorhängen. Verabschiedet wurden die Darsteller vom Publikum mit stehenden Ovationen.
Manfred van Os für Allgemeine Zeitung Coesfeld
Musikalische Leitung
Erich Wächter
Regie
Kay Metzger
Ausstattung
Petra Mollérus
Choreinstudierung
Marbod Kaiser
Dramaturgie
Elisabeth Wirtz
Violetta Valery
Daniela Bruera
Flora Bervoix
Evelyn Krahe
Annina
Mila Feiden
Alfredo Germont
Arturo Martín
George Germont
Andreas Jören
Gaston
Markus Gruber
Baron Douphal
Kevin Dickmann / Torsten Lück
Marquis von Obigny
Klaus Belzer
Doktor Grenvil
Dirk Aleschus
Joseph
Grzegorz Franciszek Holowko / Zenon Kielemoniuk
Ein Kommisionär
Hoe Chun Kim
Regieassistenz
Sebastian Gruner
Inspizienz
Marco Struffolino
Soufflage
Dietlind Eger
Symphonisches Orchester, Chor, Extra-Chor, Statisterie des Landestheaters Detmold
Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge.
Änderungen vorbehalten!
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