Landestheater Detmold

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Geschlossene Gesellschaft

Premiere 03.02.2012

Drei Personen, die sich zuvor nicht kannten, begegnen sich in einem Raum, der ihr Kerker auf Dauer ist, in dem sie auf perfide Weise ihre stetigen Ankläger sein werden. Keine Chance, sich einander zu entziehen, unbeobachtet, für sich zu sein: An diesem Ort bedarf es keiner Wächter und Gitter. Gebunden sind die drei Verdammten allezeit an die Verfehlungen ihres Lebens, die sie sich selbst und dem Gegenüber jetzt und fortan vorhalten. In immerwährender Anwesenheit der Anderen sieht sich jeder schließlich gezwungen, persönlich Rechenschaft abzulegen, sich einer peinigenden Gehirn- und Seelenfolter auszusetzen und sie an den übrigen zu vollziehen, die mit immer neuen Demütigungen allmählich jedwede Schwachstelle des Daseins, jede Lebenslüge bloßlegt: "Geben Sie mir Gelegenheit, Ihrer Verachtung erklärend entgegen zu treten, andernfalls bereiten Sie wahrhaft die Hölle für mich." Doch die Daseinsbilanzen, die man hier offenbart, sind bar jeglicher Hoffnung auf Entsühnung, die ihrerseits schuldbeladenen Zeugen der eigenen Bekenntnisse sind zum Gnadenerweis nicht imstande. 

Sartre entwirft in seinem 1944 uraufgeführten exzeptionellen Stück das Bild einer ganz diesseitigen Hölle, in der der Zwang, sich nach der Essenz, der Substanz des eigenen Lebens zu fragen, Menschen zu Peinigern und Gepeinigten macht.

 

Inszenierung: Esther Muschol

Kritiken

Darben im ewigen Feuer; ein Folterknecht; ein endloser Schlund: Es gibt viele Entwürfe einer Hölle. Jene, die Jean-Paul Sartre in "Geschlossene Gesellschaft" konstruiert, ist vor allem erschreckend profan. 

Keine Spur von loderndem Fegefeuer, kein diabolischer Vertreter des Jüngsten Gerichts, nur drei Menschen in einem Raum, dessen Einrichtung karg ist. Metallene Streben umgeben die Bühne im Grabbe-Haus, erinnern an ein altes Kellerverlies. Wären da nicht die modernen, flackernden Monitore, die sie halten. Die visuelle Darstellung des Schattenreichs ist faszinierend doppelbödig, an sich erschreckend ist sie indes nicht. 

Erst die Worte lassen das Szenario bedrohlich wirken: "Man ertrinkt, nur die Augen sind noch über dem Wasser. Und was sehen sie: Nur das hier. Was für ein Alptraum." Schicksalsergebenheit klingt aus dieser Aussage des ehemaligen Journalisten Garcin (Henry Klinder). Er weiß, an welchem Ort er sich befindet. Doch wirklich verstehen, was dies für ihn bedeutet, wird er nie. Gleiches gilt für die lesbische Inés (Kerstin Klinder), die als erste anerkennt, dass es keineswegs der Zufall gewesen ist, der die Untoten zusammengeführt hat. Und schon gar kein "Versehen der Angestellten", wie es die dritte in diesem unseligen Bund, Kindsmörderin Estelle (Gaby Blum), eingangs noch hoffnungsfroh vermutet. Denn die Menschen in diesem Raum verbindet die Schuld, die sie sich vor ihrem Tod aufgelastet haben. Und mehr noch eint sie ihre Unfähigkeit, sich diese einzugestehen. Sie alle versuchen wechselseitig, sich zu erklären, offenbaren nach und nach ihre Verfehlungen, betteln um Vergebung. Nur - und das ist das Perfide an dieser Konstellation: Jedes der drei Individuen ist unfähig, sich ehrlich der eigenen Schwäche zu stellen. Und so gibt es kein Entrinnen aus dem Teufelskreis von Verleugnung und Verdrängung: Die drei Unverbesserlichen, die anfangs noch ihre eigentlichen Richter erwarten, werden einander zu Folterknechten. 

Die Inszenierung von Esther Muschol nutzt die räumlichen Gegebenheiten der Spielstätte brillant: Der Bühnenaufbau (Christiane Reichenbach) ist zu den Zuschauerrängen hin offen gestaltet, weshalb der Bereich der "Hölle" gefühlt über die Bühne hinausgeht. Ein Eindruck, der durch vereinzelte aus dem Hintergrund erklingende sphärische Töne und das intensive, nahe Spiel der Darsteller noch verstärkt wird. Kerstin Klinder gibt die zynische Lesbe in meisterhafter Kühle. Gaby Blum entwickelt den vielschichtigen Charakter ihrer Rolle sorgsam, schält die bösartige Fratze, die sich hinter der vordergründigen Attraktivität verbirgt, sukzessiv heraus. Henry Klinder lässt die Feigheit seiner Figur so verborgen, wie sie in ihr schlummert: Man muss ihn an seiner Ignoranz messen, an all dem, was er nicht tut, um die Jämmerlichkeit und Ichbezogenheit seines Wesens zu erkennen. 

Die Eindringlichkeit der Inszenierung lässt die Zuschauer bei dieser gefeierten Premiere im ausverkauften Grabbe-Haus fast selbst zu Mitgliedern der "Geschlossenen Gesellschaft" werden, die Draufsicht ist nicht die einzig mögliche Perspektive der Rezipienten. Sartres Kernsatz hallt deshalb bedrohlich nach: "Die Hölle, das sind die anderen".

 

Lippische Landes-Zeitung

 

Mit Jean-Paul Sartres 1944 uraufgeführtem exzeptionellen Stück "Geschlossene Gesellschaft" bringt das Landestheater Detmold diesen Klassiker des zeitgenössischen Theaters auf die vorzüglich zu diesem Drama eingerichtete Bühne des Grabbe-Hauses. 

[...] Dort [in der Hölle]treffen die drei gerade verstorbenen Protagonisten Garcin, Ines und Estelle aufeinander, voller Spielfreude und Sinnlichkeit Henry und Kerstin Klinder und Gaby Blum als Estelle. "Die Hölle, das sind die anderen" - dieser viel zitierte Satz beschreibt die unausweichliche Zwangssituation in der sich die drei Personen, die sich zuvor nicht kannten, in einem Raum begegnen, der ihr Kerker auf Dauer ist. Da kann auf Folterwerkzeuge wie Pfähle, Rost und Ledertrichter gut verzichtet werden, denn die drei Verdammten sind sich schon als Folterknecht und Gefolterter in einer Person genug. 

In einem geschlossenen Raum voller Monitore und Kabel, wo Zeit keine Rolle mehr spielt, gibt es kein Entrinnen, keinen Rückzug ins Intime mehr. An diesem Ort bedarf es keiner Wächter und Gitter. Diese drei Mörder sind gebunden an die Verfehlungen ihres Lebens und dazu verdammt, sich einer peinigenden Gehirn- und Seelenfolter auszusetzen, persönlich Rechenschaft abzulegen, die jede Lebenslüge bloßlegt. "Geben Sie mir Gelegenheit, Ihrer Verachtung erklärend entgegen zu treten, andernfalls bereiten Sie wahrhaft die Hölle für mich." Doch die Daseinsbilanzen, die man hier offenbart, sind bar jeglicher Hoffnung auf Vergebung, die ihrerseits schuldbeladenen Zeugen der eigenen Bekenntnisse sind zum Gnadenerweis nicht imstande. Wenn Garcin am Ende die letzten Worte "also machen wir weiter" sagt, hat sich ihre Lage nicht verändert, sie werden ihre Notgemeinschaft, wie in einer Endlosschleife, auf ewig aufrechterhalten müssen. 

Sartre entwarf in seinem Drama das Bild einer ganz diesseitigen Hölle, in der der Zwang, sich nach der Essenz, der Substanz des eigenen Lebens zu fragen, Menschen zu Peinigern und Gepeinigten macht. Das Grabbe-Haus ist wieder einmal der ideale Aufführungsort für solch ein exzentrisches Bühnenwerk. Für Regisseurin Esther Muschol war es kein leichtes Unterfangen, aus den so unterschiedlichen Entwürfen, den für sie "Richtigen" auszuwählen, um damit ihre Ideen und Interpretationen in diesem Stück umzusetzen. Zusammen mit diesem erfahrenen Schauspielertrio und Recardo Koppe als Kellner ist ein sehenswertes Bühnenstück entstanden. Das Publikum war begeistert. 

 

www.kulturinfo-lippe.de

Annette Schäfer

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Besetzung

Regie
Esther Muschol

Ausstattung
Christiane Reichenbach

Dramaturgie
Christian Katzschmann

 

Inés
Kerstin Klinder

Estelle
Gaby Blum

Garcin
Henry Klinder

Der Kellner
Recardo Koppe

 

Regieassistenz
Jakob Köhn

Soufflage
Sarah Wessels

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