Landestheater Detmold

Tickets 05231/ 974 803

Henriette Dushe

In einem dichten Birkenwald, Nebel

Schauspiel (Uraufführung)

Premiere 15.01.2016

In jedem Leben gibt es Momente, die alles verändern, die Einstellung zur Welt und zu sich selbst. Eben noch hat man etwas vollkommen Alltägliches getan, etwas Banales, eben war es noch wie immer, plötzlich ist alles verändert: Der eine erkennt von einer Sekunde auf die andere die eigenen Kinder nicht mehr, einem anderen versagen nach dem Urlaub beim Versuch, sein Büro zu betreten, die Beine den Dienst, beim dritten löst ein an sich noch glimpflich überstandener Autounfall eine Sinnkrise aus. Als sehr spezielle Selbsterfahrungsgruppe treffen in einem Wäldchen drei Männer und drei Frauen unterschiedlichen Alters zusammen, und jede(r) hat offenkundig die Erfahrung des freiwilligen oder unfreiwilligen Ausstiegs aus der zuvor fraglos akzeptierten Normalität hinter sich. Schal gewordene Lebensweisheiten aus zweiter und dritter Hand kommen nun auf den Prüfstand. Auf der Suche nach sinnstiftenden Angeboten in der erschöpfenden Wohlstandsgesellschaft hadert der Chor der Skeptikerinnen mit dem Schicksal. Sie spüren den Irritationen und trügerischen Sicherheiten im Nebulösen ihres jeweiligen Daseins nach und prüfen misstrauisch etwaige Glücksversprechen. Das Lamento auf die Begrenztheit und Endlichkeit des menschlichen Lebens hat dabei durchaus groteske und ironische Anteile. Wie in ihren früheren ebenfalls mehrfach ausgezeichneten Stücken entwirft Henriette Dushe subtil und sprachspielerisch ein Porträt von uns ‚normalen‘ melancholischen Deutschen. Für »In einem dichten Birkenwald, Nebel« wurde Henriette Dushe mit dem Christian-Dietrich-Grabbe-Preis 2014 ausgezeichnet. Mit dem alle drei Jahre vergebenen Preis würdigen Landestheater und Grabbe-Gesellschaft Detmold außergewöhnliche Werke zeitgenössischer Dramatik.

 

Inszenierung und Ausstattung: Malte Kreutzfeldt

 

Einführungsmatinee: Sonntag, 10. Januar 2016, 11.30 Uhr, Lippisches Landesmuseum, Ameide 4

Premiere: Freitag, 15. Januar 2016, 19.30 Uhr, Detmolder Sommertheater

Vorstellungen: Mi, 20.1./ Do, 28.1./ Fr, 5.2./ Mi, 10.2./ Sa, 13.2./ Sa, 2.4./ Fr, 8.4.2016

Kritiken

Elegie einer heillosen Traurigkeit

"Die Welt wird vom Stumpfsinn aufgefressen." Diese Empfindung zu einer gesellschaftskritischen Erkenntnis zu verklaren, das versucht Henriette Dushe mit ihrer 2014 Grabbe-Preis-gekrönten Partitur rhythmisch gesetzter Worte. Und erschafft dabei eine poetisch offene Beschreibung dessen, was Depression genannt werden könnte. Eine der vielen schönen Metaphern dieses Zustands ist schon im Stücktitel formuliert: "In einem dichten Birkenwald, Nebel". Die Uraufführung des Landestheaters Detmold kommt als theatrale Klangskulptur daher - ist auch zu erleben als Sprachkonzert für ein Männer- und ein Frauentrio.
Wobei alle Darsteller Persönlichkeitsminiaturen mit eigenem Charakter entwickeln, wenn sie in Duetten zusammenfinden, zu melancholischen Soli anheben, aber auch im unisono Sprechen als sechsstimmiger Chor. Regisseur Malte Kreutzfeldt hat die musikalische Struktur des Textes wundervoll instrumentiert und auf der zumeist leeren Bühne als Elegie einer heillosen Traurigkeit dirigiert. Die Ausstattung ist streng in Schwarz und Weiß gehalten, nur die Birkenwaldprojektion bietet auch silbrig schimmernde Grauschattierungen. Glühbirnen einer Lichterkette verlöschen nach und nach mit sanften Verpuffungen, immer dann, wenn eine Wohlfühlzutat des Lebens als Placebo enttarnt ist.
"Die Nacht" Franz Schuberts wird anfangs zarttönend angestimmt, "wie schön bist du, freundliche Stille, himmlische Ruh'", aber auch gleich konterkariert durch den Auftritt der entschlossen Äxte schwenkenden Frauen, die Männerkostüme tragen und einen Make-up-Mix aus Totenmaske und Kriegsbemalung. Während die Männer in Frauenkleidern fassungslos von Momenten berichten, in denen sich ihr Gesicht im Spiegel auflöste und die Zeit anders zu ticken begann. Sie erkannten plötzlich, fremd im eigenen Leben zu sein. Und dass sie das eigentlich schon immer wussten, nur bisher verdrängt hatten. Glücksversager sind sie nun. Kämpfen mit ihren Erinnerungsfetzen. Konstatieren die große Lebenskrise - und versuchen in den Birkenwald Lichtungen der Hoffnung zu schlagen, hacken also ohrenbetäubend Holz auf der Hinterbühne. Dabei verwandeln sie sich zu echt rauschalig-weichkernigen Kerlen - tauschen Kleid gegen Anzug, setzen sich Papierkronen auf und versuchen antidepressive Argumente einzubringen. Während die Frauen klassische Fragmente eines ehelichen Trennungsgesprächs rekapitulieren. Ja, sie hatten alles, was Frauen gut gebrauchen können für ein gelungenes Leben: Anmut, offene Herzen, Intelligenz und praktische Vernunft. Ja, es gab einen Partner, gemeinsamen Urlaub, sie besaßen Auto und Einfamilienhaus. Aber: "Ein nicht enden wollendes, Gott verdammtes Scheiß-Elend ist das gewesen." So lautet das Resümee. Jedwede Geborgenheit ist verloren. Der Widerspruch klingt schüchtern: "Aber es war doch auch schön, manchmal, wir haben doch auch Spaß gehabt." Der, dem das reicht, wird beschrieben als "stolz, stark und schön". Die Depressionsgattin, der ein bisschen Spaß nicht reicht, attestiert dem Ex-Partner ein "unbeschädigtes Leben", das "ist ein Unglück mit ganz eigener, noch völlig unerforschter Dramatik, eine westdeutsche Tragödie". Mit dem Ergebnis völligen Unverständnisses, dass plötzlich kein zurück, kein vorwärts mehr möglich ist. Kein Wille zu irgendwas, nirgends. Die Frauen trauern: "Diese große, diese so unendlich weite Welt, sie / rührt uns nicht, die Welt, sie / ruft uns nicht, sie versucht es ja noch nicht einmal, sie / will uns nicht locken, die Welt ... hinaus ins Glück, dahin, wo es noch etwas zu entdecken gibt / einen Schatz / einen Mann / die Stille / das Meer ..." Und was der Sehnsuchtsklischees mehr sind. An die keine mehr glaubt. "Alles in uns schläft, tief und reglos, kein einziger Traum, ein Loch in unserer linken Brust, da wo das Herz eigentlich einst saß. Stellt denn die Chemie kein einziges Mittel gegen so etwas uns zur Verfügung?" Statt nun Psychopharmaka zu schlucken, werden Erfahrungen mit anderen Antidepressiva diskutiert. Helfen Drogen wie Alkohol, Konsum, Religion? Heldenhaft soziales Engagement? Kinder kriegen? Alles Sinnillusion. Alles zu spät. Wie ein Mahnmal baumelt eine Darstellerin schließlich am Strick. Erlösung aus der Depression. Schuberts Ode an die Nacht wird erneut angestimmt, klingt nun noch fahler als zu Beginn. "Lenzes Milde", von Schubert beschwioren, hat den Birkenwald in keinster Weise mit Blumen der Hoffnung verzieren können. Dunkelheit senkt sich über die Bühne dieses kunstvoll inszenierten, sprachschönen, irisierend gespielten - verstörenden Abends. Weil er Depression nicht als Krankheit, sondern als Symptom unseres wohlanständig durchschnittlichen Lebens beschreibt. "

Jens Fischer für DIE DEUTSCHE BÜHNE


"[...] Während Henriette Dushe fortwährend mit Andeutungen spielt - vielleicht sind die drei Frauen Schwestern, vielleicht sind sie unterschiedliche Inkarnationen ein und derselben Frau - und so für Momente ganz konkret wird, setzt Malte Kreutzfeld ganz auf Abstraktion. Das Individuelle löst sich auf. Nicht nur die Männer sind eher Teile eines Chors als Einzelne, auch Karoline Stegemanns depressiver Junger, Heidrun Schwedas aufbrausender Alter und Marie Luisa Kerkhoffs zynischer Wedernoch fällt es ungeheuer schwer, "Ich" zu sagen. Aber sie leiden anders darunter als die Männer, die Clemens, Weltzien und Klinder verkörpern, die sich noch in Wut flüchten können und auch mal die "Zeit" an sich verfluchen: "Wir scheißen auf die Zeit. Wir scheißen drauf, denn wir mögen sie nicht, die Zeit". Für die Männer bedeutet der Schmerz Gemeinsamkeit. Für die Frauen ist er eine Möglichkeit, sich zu unterscheiden. Aber weder das eine noch das andere kann diese Sechs retten. Die Glühbirnen platzen so oder so, und eine "freundliche Stille", eine "himmlische Ruh'" gibt es höchstens in dem anderen, ewigen Dunkel des Todes. [...]"

Sascha Westphal für Nachtkritik

 

"Die Schauspieler - die Frauen werden dargestellt von Karoline Stegemann, Marie Luisa Kerkhoff und Heidrun Schweda, die Männer von Roman Weltzien, Stephan Clemens und Henry Klinder - lösen ihre hoch anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour. Sie sprechen und singen einzeln und im Chor, agieren im für die Sprache des Stücks so wichtigen, kunstvoll gebauten Rhythmus und spielen einander die wegen der fragmentarischen Form der Textzeilen unerlässlichen Stichworte zu. Das alles tun sie mit Ernsthaftigkeit und Intensität - egal, ob sie noch in der Sehnsucht nach Glück gefangen sind oder schon jegliche Hoffnung aufgegeben haben. Chapeau!Konsequent sowohl in ihrer Rätselhaftigkeit als auch in der Ernüchterung, die sie verströmt, ist die Inszenierung von Malte Kreutzfeldt. Die Spannung generiert er aus den Extremen, die er aufbaut. Er betont die Sehnsucht der Protagonisten nach Glück, indem er sie immer wieder den Anfang aus Schuberts "Die Nacht" anstimmen lässt: "Wie schön bist du. Freundliche Stille, himmlische Ruh?." Dann wieder lässt er die Hoffnungen der Protagonisten bildlich zerplatzen: in Form von sechs Glühbirnen über der Bühne, die eine nach der anderen verlöschen und zerspringen. Der Regisseur, der auch sein eigener Ausstatter ist, reißt die Lebenskonstrukte der Protagonisten ein, lässt die Männer sie holzhackend zerstören, hinter dem durchsichtigen Vorhang, der den Birkenwald zeigt; verschwommen, wie aus einem schnell fahrenden Auto aufgenommen."

Barbara Luetgebrune für die Lippische Landes-Zeitung

 

"Eine hurtig performte Stunde Sprachperformance"

Natalie Bloch für Theater heute

 

"Es bleibt der verstörende Blick auf Schwermut und Pessimismus- nicht als Krankheit, sondern als legitim. Das Infragestellen der omnipräsenten Anweisung zum Glücklichsein. Das Lob des Zweifels. Das ist originell und ohne Frage [...] richtig."

Joachim F. Tornau für Theater der Zeit

zurück

Besuchen Sie uns auch bei:

Facebook Twitter Vimeo

Startseite  Impressum