Landestheater Detmold

Tickets 0 52 31 / 974 803

Woyzeck reloaded

nach Georg Büchner

Premiere 23.11.2012

Woyzeck gehört zum Bodensatz der Gesellschaft, er vegetiert im Zustand materieller, intellektueller und seelischer Verarmung. Zuneigung, Liebe,Zuwendung werden ihm nicht zuteil und aufgrund der Selbst- und Fremddefinition als bloßes Rädchen eines ausbeuterischen Arbeitsprozesses kann er solche Gefühle auch nicht hervorbringen. Seinen Dienstherren, Vorgesetzten ist er ein willfähriges Opfer, das durch krude medizinische Experimente zum bloßen Befehlsempfänger  mutiert. Der einzige Mensch, an den er sich gebunden fühlt – Marie – wendet sich von ihm ab. Dass er sich in einem brutalen Tötungsakt gerade gegen sie wendet, unterstreicht seine Hilflosigkeit.

Das zeitlos Störende und Verstörende an Georg Büchners Text ist dessen Unerbittlichkeit und Kompromisslosigkeit bei der Darstellung von sozialem Oben und Unten in jeweiliger emotionaler Verkarstung, alle Figuren wehren sich auf fatale Weise vereinzelt, ohne Scham und Skrupel gegendie Zumutungen der Realität. Dass sich in Büchners Fragment als Bildgeflecht von gesellschaftlichen Trost- und Hoffnungslosigkeiten für jeden, der auch nur halbwegs genau hinschaut, auch unsere Wirklichkeit scharf porträtiert erkennen lässt, macht „Woyzeck“ immer wieder erneut zu einer künstlerischen Herausforderung.

 

Inszenierung: Swentja Krumscheidt


Premiere: Freitag, 23. November 2012,
19.30 Uhr, Grabbe-Haus


Vis-à-vis
Predigt: Sonntag, 10. März 2013, 9.30 Uhr,
Ev.-ref. Erlöserkirche am Markt,
mit Pfarrer i.R. Jochen Schwabedissen

 

In Kooperation mit der Hochschule RheinMain Wiesbaden Rüsselsheim Geisenheim.

Kritiken

Beschädigt und gestört sind sie alle, auch wenn sie bereits das Prekariat hinter sich gelassen haben. Sventja Krumscheidt brachte auf der Kleinen Bühne des Landestheaters eine beklemmende "reloaded"-Fassung des im frühen 19. Jahrhunderts entstandenen Dramenfragments heraus.

Die Schauspieler tragen Arme-Leute-Kluft vergangener und gegenwärtiger Zeiten, im soldatischen Bereich garniert mit riesigen Fell-Epauletten. Die jungen Frauen zeigen in der Ausstattung durch Andrea Müller Konsumsucht mit Discounter-Tüten, riesigen Teddy-Pelerinen und billigem Silber-Tinneff. Jeder von ihnen ist in seiner schichtweise aufgetürmten, engen Kastenwelt (Bühne: Daniela Maute) gefangen, keiner kann aus seiner Haut. Kommentiert wird dieser Totentanz der Moderne von einer Figur, die sich aus der "Lustigen Person" des Mittelalters und dem Conférencier des "Cabaret" zusammen setzt. Zynisch lässt Christoph Gummert als Ausrufer eine Discokugel funkeln, zynisch erläutert er als Arzt seine Ansicht über Experimente mit psychisch gestörten Menschen. Zu ihnen gehört zweifellos die tragische Hauptfigur des Woyzeck, als gequälte und von Wahnvorstellungen geplagte Kreatur ergreifend verkörpert von Stephan Clemens. Mit seinen vergeblichen Versuchen, "ordentlich zu leben", ist er ein Vorgänger des von Alfred Döblin in "Berlin Alexanderplatz" geschilderten Franz Biberkopf. Seine aussichtslose Position in der Gesellschaft wird einzig durch die Liebe zu Marie und ihr gemeinsames Kind gemildert. Doch die junge Frau (Anna Katharina Schwabroh) zieht es mit Macht in eine über ihr stehende Schicht. Und so erliegt sie nur allzu bereitwillig der animalischen Männlichkeit des Tambourmajors (Markus Hottgenroth), der sich über soldatische Statussymbole definiert. Doch wie das Soldatenleben einen Menschen zu deformieren vermag, zeigt nicht nur der ebenfalls von Hottgenroth verkörperte Hauptmann, der unter seinem Militärmantel nur mühsam den Hang zu Sado-Maso-Spielchen kaschiert. Auch Woyzecks Kamerad Andres ist vom Kasernenhof-Drill schwer traumatisiert. Sie alle leben in großer innerer Einsamkeit. Als die behinderte Nachbarin (Marie Anna Suttner) an der Rampe die Geschichte eines Waisenkinds erzählt, das allein auf einer gleichgültigen Erde verbleibt, ist es im Zuschauerraum mucksmäuschenstill. Marie bereut ihren Fehltritt, doch vergeblich verweist sie auf Jesus, der einer Ehebrecherin vergibt. Fast sanft tötet Woyzeck sein "einziges Hab und Gut". Und mit dem Ausruf "Schaut euch doch selber an!" verweist er auf den Mörder, der in jedem Menschen wohnt.

Lippische Landes-Zeitung

 

"Woyzeck reloaded - nach Georg Büchner".

[...] Der Text hält sich recht eng an das Büchnersche Original [...]; die Szenenfolge folgt den gängigen Schemata [...]. Was also ist hier reloaded? [...] so vor allem das demonstrative in Position-bringen des Messers und die im Gegensatz dazu [...] geradezu sanfte Mordtat. In der Regel bleiben die Ideen konventionell [...] oder rätselhaft: aus dem Kinderwagen, der anstelle des Kindes auf der Bühne steht, wird gegen Ende des Stückes eine große Schaumstoffwolke geblasen. Was soll das bedeuten? Soll es darauf aufmerksam machen, dass am Ende der Tragödie ein Kind elternlos zurückbleibt? Aber dessen Schicksal kommt viel eindringlicher in dem abgrund-traurigen Anti-Märchen der Großmutter zum Ausdruck (hier beeindruckend-anrührend dargeboten von Marie Anna Suttner [...]).

[...] Wenn etwas an dieser Inszenierung - über Büchners Text hinaus - bemerkenswert ist, dann sind es die Kostüme. Und ein bisschen auch das Bühnenbild (Bühne und Kostüme entstanden in Kooperation mit dem Studiengang Innenarchitektur der Fachhochschule Wiesbaden, unter Leitung von Professor Reiner Wiesemes).

Der erste Blick auf die Bühne vermittelt den Eindruck, vor einer großen weißen Regalwand zu sitzen. Schnell erkennt man aber, dass der begrenzte Raum im Grabbehaus für ein kompaktes Bühnenbild genutzt wird: Die einzelnen Schauplätze werden vertikal neben- und übereinander gestapelt. Die unterschiedlich großen Regalfächer erinnern an Zellen - wie im Kloster. Oder wie im Gefängnis. [...]

Und endlich die Kostüme: [...] die Kostüme betonen die Individualität der einzelnen Figuren, was besonders dort beeindruckt, wo ein Darsteller mehrere Charaktere spielt. [...] Die Rollen von Hauptmann und Tambourmajor werden häufig zusammengelegt [...]. Bei dieser Detmolder Inszenierung merkt man kaum, dass nur ein Schauspieler beide darstellt - was der Schauspielkunst und Wandlungsfähigkeit Markus Hottgenroths zu verdanken ist, die aber durch die Kostüme unterstützt werden [...]. Marie mit ihrem Kuscheltier-Pulli passt herrlich ins Klischee der primitiv-konsumfreudigen Unterschichten-Fernsehkonsumentin (Anna Katharina Schwabroh); die übrigen Frauenrollen sind auf zwei Figuren reduziert, die beide von Marie Anna Suttner gespielt und ebenfalls durch die Kostüme differenziert werden: einmal als Gehbehinderte im Arme-Leute-Kleidchen, zum andern als erotischen Männertraum: die Playboy-Bunny-Ohren weisen sie als Luxusgeschöpf aus - das sich allerdings in eine Lidl-Tüte gewickelt hat (und darin vermutet man ja eher Billiges). Auch Christoph Gummert verfügt über das handwerkliche Geschick, seine Rollen beeindruckend zu differenzieren; auch ihm helfen dabei die unterschiedlichen Kostüme: der weiße Kittel für den sadistischen Arzt, ein neonfarbener Trainingsanzug für den einfachen Soldaten Andres, eine schrille Zirkus-Uniform für den Marktschreier ... Am unauffälligsten-normalsten ist Woyzecks Outfit. Und das ist auch gut so. Denn so kann Stephan Clemens allein durch seine Schauspielkunst das Elend dieser armen Kreatur angemessen und mitreißend zum Ausdruck bringen. Bravo

Kulturinfo-lippe.de

zurück

Besuchen Sie uns auch bei:

Facebook Twitter Vimeo

Startseite  Impressum