Landestheater Detmold

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Wenn ich was anderes machen würde, würde ich vielleicht nicht immer ans Geld denken

Drei sehr komische Einakter über merkwürdige Helden unserer Zeit

Premiere 15.10.2011

Haben Sie sich schon einmal richtig nass gemacht oder ihr bestes Stück übel eingeklemmt? Verschlüsse von Getränkepackungen sind ebenso heikel wie gewisse Klappstühle, das moniert jedenfalls ein selbsternannter Verbraucherschützer in einer der grotesk munteren Szenen, die mit dem ganz normalen Wahnsinn konfrontieren. Sicher, ich kann Unternehmen verklagen, die Unpraktisches auf den Markt bringen, aber irgendwann befinde ich mich dann wie besag-ter Menschheitsretter in einer Prozessflut, welche die eigene arg strapazierte rechtsschutzversicherung nicht mehr bewältigen will: erneuter Prozess! Ist es dann nicht doch besser, ich ergebe mich frag- und klaglos dem Kaufrausch, auch wenn sich schließlich zum wiederholten Male unbezahlte Rechnungen bedrohlich anhäufen und das Inkasso-Unternehmen anklopft. Oder aber ich kündige ganz und gar, nicht ohne in einem wahren Formulierungsrausch und Beschimp-fungsstakkato Firma, Chefs und Kollegen formvollendet und zugleich enthemmt in Grund und Boden zu beleidigen.

In Felicia Zellers überdrehten Botschaften von merkwürdigen Helden unserer Zeit erfahren reale Erfahrungen eine groteske Zuspitzung, um sich überraschend zu einem sehr präzisen Alltagsbild zusammenzufügen.

Kritiken

Felicia Zeller, freie Autorin in Berlin-Neukölln, sieht sich selbst als "Sprecherautor". Somit ist es nicht verwunderlich, dass das Stück mit dem bizarren Titel viel Wert auf einzelne Worte legt und dadurch zu einer linguistischen Party wird. Hier gibt es Wortspiele, Wortwitz, Wortstakkatos, ausgefallene Reime, wahre Sprechrekorde, Stilblüten. Selten hat man so viele Stilmittel auf der Bühne erlebt; kombiniert werden sie durch wirre Gesten und absurde Geräusche.

Die Schauspieler Robert Andrej Augustin, Gaby Blum, Stephan Clemens und Jenny-Ellen Riemann piepsen, schnalzen, seufzen, stammeln oder trommeln ihren Text. Besonders gut können sie Wörter so lange wiederholen als hätte ihre Stimme einen Sprung wie eine kaputte CD. Häufig werden die Sätze auch nicht zuende gesprochen, weil es offenbar nicht zwingend um Inhalte geht, sondern eher um das lustige Experimentieren mit Worten. Auf der philosophischen Ebene passiert hier so etwas wie ein Scheitern des Sprechens. Ansonsten geht es um Konsum, Klischees, Kampftrinken, Kündigungsgründe, gute Geschäfte, Geld und Geldknappheit. Wer den Sinn nicht findet - keine Sorge, mit den Sätzen hat man als Zuschauer schon genug zu tun. 

In der ersten Viertelstunde passiert nichts als Schweigen. Die Personen starren ins Publikum und versuchen, eine Spiritusflasche zu öffnen, deren Plastikverschluss eine Kindersicherung hat. "Ein möglichst beschissener Verschluss", beklagt sich Querolf (Stephan Clemens). So geht es mit dem Scheitern los. Der Konsum ist schuld. Alle Gegenstände auf der Bühne sind in grellem Weiß und deuten auf Konsum hin: ein Einkaufswagen, ein Sonnenschirm, ein Standard-Grill. Die Kulisse (Michaela Bluhm) wirkt künstlich, fast überirdisch. Hier können die Sätze auch noch so viel Quatsch beinhalten, in dieser Ausnahme-Wirklichkeit ist alles erlaubt - woran sich der Zuschauer zunächst gewöhnen muss. Der erste Akt ist ein Dialog zwischen Hans (Robert Andrej Augustin) und "dem Hans seine dritte Frau" (Gaby Blum). "Mausl, wir werden leben in Sausl und Brausl", sagt Hans. Sie streiten über Geld, weil Hans der Meinung ist, man könne im Leasing-Zeitalter alles auf Raten bezahlen. Derweil holt er Würstchen aus allen Verstecken seines Vertreter-Anzugs und macht Faxen mit der Grillzange. Hans seine dritte Frau (Gaby Blum) wird am Ende des Stücks eine völlig verrückte Geschichte über eine Spinne namens Gaby erzählen und berichten, was diese mit dem Staubsaugen zu tun hat. Bis dahin passiert noch Einiges. Querolf (Stephan Clemens), kritischer Kunde von Beruf, weiß um seine Rechte und ist bereit, alles dafür zu tun. Er redet sich in Rage, weil mehrere Liegestühle unter ihm zusammen gebrochen sind. Und dann gibt es noch das kuriose Kündigungsschreiben: Frau Dichter (Jenny-Ellen Riemann) gibt hier eine Tippse im Formulierungsrausch. Denn das können alle vier Darsteller gut: Sprechen. Das Stück (Regie: Andreas Kloos) ist irre, mutig, absurd und trifft den Sound der Zeit. Schließlich häufen die Einakter eigentlich allen Müll an, der im Alltag so gesprochen wird. Überdreht? Auf jeden Fall. Aber die Schauspieler machen das wirklich toll. 

 

Lippische Landes-Zeitung

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Besetzung

Regie
Andreas Kloos

Ausstattung
Michaela Bluhm

Dramaturgie
Christian Katzschmann

 

Künstler
Robert Andrej Augustin / Gaby Blum / Stephan Clemens / Jenny-Ellen Riemann

 

Regieassistenz
Jessica Sonja Cremer / Jakob Köhn

 

Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge.
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