Landestheater Detmold

Tickets 0 52 31 / 974 803

Philoktet

Premiere 27.08.2011

Auf dem Felseneiland Lemnos vegetiert ein geschlagener Mann dahin: Philoktet. Vor einem Jahrzehnt setzten ihn die eigenen Kameraden hier aus, da sie das Jammern des Verletzten nicht mehr ertrugen. Sie segelten gen Troja zur Schlacht, er blieb in Leid und Einsamkeit zurück. Nur der Hass auf Odysseus, der für ihn dieses Los ersann, hält ihn am Leben. Nun aber muss ebenjener Held, einst verantwortlich für Philoktets Verbannung, zu diesem zurückkehren, denn nach langem, aber vergeblichen ringen gegen die Trojaner besinnt er sich auf den unfehlbaren Bogen des einstigen Kampfgefährten und überredet den jungen Neoptolemos dazu, die Waffe mit List zu entwenden. Der jedoch, unsicher, ob der Nutzen für die Gemeinschaft, wie behauptet, eine solche Tat rechtfertige, folgt nach heftiger Auseinandersetzung mit dem von Skrupeln unbelasteten Odysseus seinem Gewissen und gibt die Waffe ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. Als dieser sich jetzt aber gegen Odysseus wendet, streckt ihn Neoptolemos nieder.

Mit hochartifizieller, metaphorischer Sprache blickt Heiner Müller auf einen jener Unglücklichen, der als unnütz selektiert und bis auf Widerruf dem sozialen Tod ausgeliefert wird, und auf eine Gesellschaft wie die unsrige, die sich in ihren Entscheidungen allzu oft unbarmherzig und berechnend auf vorgeblich zwingende Notwendigkeiten der Allgemeinheit beruft. 

Kritiken

Zivilisation ist eine dünne Decke. Heiner Müllers „Philoktet“ feiert grandiose Premiere

Das Stück kommt zur rechten Zeit. Besser als Schiller weiß Heiner Müller , dass Theater dort am besten ist, wo es das 
nackte Leben zeigt. Sein „Philoktet“ feierte am Freitag eine grandiose Premiere im Grabbehaus.
[...]Das Stück taumelt zwischen  Wahrheit, Pflicht und Lüge umher, einzig gehalten vom Rhythmus des Müllerschen Versmaßes. Die Schmerzensschreie des Griechen  Philoktet, der mit Odysseus gen Troja zog, aber schon vor der großen Schlacht so schwer verwundet wurde, dass er den Eroberern zur Last fiel und auf einer Insel zurück gelassen wurde,  werden den Zuschauern noch lange in den Ohren gellen. Einige konnten nicht anders: Sie mussten einstimmen in das hysterische Lachen eines Mannes, der gleich Robinson Crusoe kaum noch zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß.    
Zivilisation ist eine dünne Decke. Seit die Freiheit Deutschlands überall auf der Welt verteidigt werden muss, das   Abendland an seinen Schulden erstickt, während in Afrika wieder Millionen in Hunger und Bürgerkrieg verrecken, sind wir wieder mitten drin in der Antike der Welt der tragischen Helden: Odysseus, Philoktet und Neoptolemos. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Hier, weil Odysseus mit Neoptolemos’ Hilfe an den unfehlbaren Bogen des Philoktet herankommen will, der einzig helfen kann, Troja noch zu besiegen. Dafür besiegen sich der neunmalkluge, ach so lis-
tenreiche Odysseus, der jugendlich-wahrheitstrunkene Neoptolemos und Philoktet erst einmal gegenseitig.  
Toll wird unter der Regie von Jessica Sonia Cremer gespielt. Allen voran Henry Klinder als Philoktet, der rauschenden Beifall und viele Bravorufe für seine überzeugende Hysterie erhält. Auch Joachim Ruczynski findet heraus aus einer anfänglich oberlehrerhaften Einseitigkeit des Odysseus ebenso wie Recardo Koppe als zunächst etwas naiver Neoptolemos. 
Auch sie  ernten zu Recht viel Beifall.  
„Philoktet“  verkündet  keine Moral. Es schaut der Antike einfach ins Gesicht. Und kommt deshalb genau zur rechten Zeit in unsere moderne Welt. Zivilisation ist eine dünne Decke. Aber vielleicht hat  Philoktet doch eine Botschaft, dort wo der Sterbende seinen Feinden wie ein Kind voller  Sehnsucht nach Anerkennung oder gar Liebe in die 
Augen schaut.  

 

Lippische Landes-Zeitung 

zurück

Besetzung

Regie
Jessica Sonja Cremer

Bühne
Hans-Günther Säbel

Kostüme
Torsten Rauer

Dramaturgie
Christian Katzschmann

 

Neoptolemos
Recardo Koppe

Odysseus
Joachim Ruczynski

Philoktet
Henry Klinder

 

Regieassistenz
Jasmin Graev / Jakob Köhn / Pia Wagner

Soufflage
Jasmin Graev / Pia Wagner

Inspizienz
Jakob Köhn

 

Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge.
Änderungen vorbehalten!

Startseite  Impressum