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Premiere 27.08.2011
Auf dem Felseneiland Lemnos vegetiert ein geschlagener Mann dahin: Philoktet. Vor einem Jahrzehnt setzten ihn die eigenen Kameraden hier aus, da sie das Jammern des Verletzten nicht mehr ertrugen. Sie segelten gen Troja zur Schlacht, er blieb in Leid und Einsamkeit zurück. Nur der Hass auf Odysseus, der für ihn dieses Los ersann, hält ihn am Leben. Nun aber muss ebenjener Held, einst verantwortlich für Philoktets Verbannung, zu diesem zurückkehren, denn nach langem, aber vergeblichen ringen gegen die Trojaner besinnt er sich auf den unfehlbaren Bogen des einstigen Kampfgefährten und überredet den jungen Neoptolemos dazu, die Waffe mit List zu entwenden. Der jedoch, unsicher, ob der Nutzen für die Gemeinschaft, wie behauptet, eine solche Tat rechtfertige, folgt nach heftiger Auseinandersetzung mit dem von Skrupeln unbelasteten Odysseus seinem Gewissen und gibt die Waffe ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. Als dieser sich jetzt aber gegen Odysseus wendet, streckt ihn Neoptolemos nieder.
Mit hochartifizieller, metaphorischer Sprache blickt Heiner Müller auf einen jener Unglücklichen, der als unnütz selektiert und bis auf Widerruf dem sozialen Tod ausgeliefert wird, und auf eine Gesellschaft wie die unsrige, die sich in ihren Entscheidungen allzu oft unbarmherzig und berechnend auf vorgeblich zwingende Notwendigkeiten der Allgemeinheit beruft.
Zivilisation ist eine dünne Decke. Heiner Müllers „Philoktet“ feiert grandiose Premiere
Das Stück kommt zur rechten Zeit. Besser als Schiller weiß Heiner Müller , dass Theater dort am besten ist, wo es das
nackte Leben zeigt. Sein „Philoktet“ feierte am Freitag eine grandiose Premiere im Grabbehaus.
[...]Das Stück taumelt zwischen Wahrheit, Pflicht und Lüge umher, einzig gehalten vom Rhythmus des Müllerschen Versmaßes. Die Schmerzensschreie des Griechen Philoktet, der mit Odysseus gen Troja zog, aber schon vor der großen Schlacht so schwer verwundet wurde, dass er den Eroberern zur Last fiel und auf einer Insel zurück gelassen wurde, werden den Zuschauern noch lange in den Ohren gellen. Einige konnten nicht anders: Sie mussten einstimmen in das hysterische Lachen eines Mannes, der gleich Robinson Crusoe kaum noch zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß.
Zivilisation ist eine dünne Decke. Seit die Freiheit Deutschlands überall auf der Welt verteidigt werden muss, das Abendland an seinen Schulden erstickt, während in Afrika wieder Millionen in Hunger und Bürgerkrieg verrecken, sind wir wieder mitten drin in der Antike der Welt der tragischen Helden: Odysseus, Philoktet und Neoptolemos. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Hier, weil Odysseus mit Neoptolemos’ Hilfe an den unfehlbaren Bogen des Philoktet herankommen will, der einzig helfen kann, Troja noch zu besiegen. Dafür besiegen sich der neunmalkluge, ach so lis-
tenreiche Odysseus, der jugendlich-wahrheitstrunkene Neoptolemos und Philoktet erst einmal gegenseitig.
Toll wird unter der Regie von Jessica Sonia Cremer gespielt. Allen voran Henry Klinder als Philoktet, der rauschenden Beifall und viele Bravorufe für seine überzeugende Hysterie erhält. Auch Joachim Ruczynski findet heraus aus einer anfänglich oberlehrerhaften Einseitigkeit des Odysseus ebenso wie Recardo Koppe als zunächst etwas naiver Neoptolemos.
Auch sie ernten zu Recht viel Beifall.
„Philoktet“ verkündet keine Moral. Es schaut der Antike einfach ins Gesicht. Und kommt deshalb genau zur rechten Zeit in unsere moderne Welt. Zivilisation ist eine dünne Decke. Aber vielleicht hat Philoktet doch eine Botschaft, dort wo der Sterbende seinen Feinden wie ein Kind voller Sehnsucht nach Anerkennung oder gar Liebe in die
Augen schaut.
Lippische Landes-Zeitung
Regie
Jessica Sonja Cremer
Bühne
Hans-Günther Säbel
Kostüme
Torsten Rauer
Dramaturgie
Christian Katzschmann
Neoptolemos
Recardo Koppe
Odysseus
Joachim Ruczynski
Philoktet
Henry Klinder
Regieassistenz
Jasmin Graev / Jakob Köhn / Pia Wagner
Soufflage
Jasmin Graev / Pia Wagner
Inspizienz
Jakob Köhn
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