Landestheater Detmold

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Iphigenie auf Tauris

Premiere 26.08.2011

 Einst sollte Iphigenie von ihrem Vater Agamemnon der Göttin Diana geopfert werden, auf dass die Kriegsflotte der Griechen das feindliche Troja erreiche. Doch Diana rettete Iphigenie. Im Tempelhain der Göttin auf Tauris dient Iphigenie ihr seitdem als Priesterin. In diesem Amt brachte sie die Taurer unter ihrem König Thoas dazu, den blutigen Brauch des Menschenopfers aufzugeben, der zuvor an jedem auf der Insel aufgegriffenen Fremden geübt wurde. Als Iphigenie aber einen Heiratsantrag des Königs zurückweist, droht dieser mit der Wiedereinführung der Opferungen. Ausgerechnet Iphigenies eigener Bruder Orest, der nach dem Mord an der eigenen Mutter, von Rachegöttinnen gepeinigt, auf Tauris Erlösung suchte, und dessen Freund Pylades sollen getötet werden. Flucht ist der erste Gedanke der Geschwister, als sie einander erkennen. Doch dann entschließt sich Iphigenie, Thoas die Wahrheit und ihre eigene Identität zu offenbaren, und sie bewegt den König damit zu einsichtiger Großmut. 

Goethes Schauspiel lässt Mitgefühl, Vergebung und Wahrhaftigkeit über grausame Verirrung und Selbstherrlichkeit triumphieren und vertritt so exemplarisch die Ideale der deutschen Klassik.

 

Einführungsmatinee: 21. August 2011, 11.30 Uhr, 

Lippische Landesbibliothek, Hornsche Straße 41

Kritiken

Mit einer eigenen, aber schlüssigen Inszenierung von Goethes "Iphigenie auf Tauris" hat Tatjana Rese fulminant die Spielzeit am Landestheater eröffnet. 

Die Regisseurin zeigt - zum Glück - kein weltfernes Tempeldrama. Sie holt den antiken Stoff um Götter, Griechen und "Barbaren" sowie das klassische Drama mit seinem zentralen Appell an die Humanität ins Heute. Und sie macht klar, dass es diese Humanität, die Goethe - bei überlieferter eigener Skepsis gegenüber der idealistischen Botschaft seiner "Iphigenie" - so wortgewaltig beschwört, nicht gibt. Eine Wand in Wellblech-Optik, die sich in eine schiefe Ebene verwandelt, auf der die Protagonisten vergeblich nach sicherem Halt suchen, ein blutroter Boden, gestapelte Ölfässer: In schlichter, kalter Ästhetik entwirft Ausstatterin Petra Mollérus ein Szenario, das Kriegs-Assoziationen wachruft. Kriege, wie sie der Westen unter Federführung der Amerikaner im Nahen Osten führt. Gegen den Terror? Für Frieden und Demokratie? Oder am Ende doch fürs Öl?" Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge / Den fernen Schätzen der Barbaren zu", lässt Goethe seinen Taurer-König Thoas sagen. Nur ein Beispiel dafür, wie Tatjana Reses Strategie, Goethes Text in ein heutiges Umfeld zu stellen und dort wirken zu lassen, aufgeht: Goethes "ferne Schätze" mit Öl zu übersetzen, funktioniert ganz mühelos und ist stimmig. Dass die Fässer, als sie schließlich umkippen, nicht Öl, sondern Blut freigeben, fügt die Regisseurin als eigenen Kommentar an. [...]

Großes Kompliment an die Darsteller, die diesen packenden Theaterabend tragen. Ewa Rataj bringt die innere Zerris-senheit der Iphigenie zwischen Heimweh nach einer, wie sie weiß, keineswegs heilen Welt und ihrer Solidarität gegenüber Taurer-König Thoas, die ihr die Selbstverantwortung gebietet, mit hoher Intensität und viel Emotion auf die Bühne. Stark auch Markus Hottgenroth, der als Orest schwer an der Schuld des Mutter-Mordes trägt und der unter dieser Last nach und nach zur gefährlich tickenden Zeitbombe wird. Der verzweifelte Geschlechtsakt, in dem das Wiedererkennen der Geschwister gipfelt, markiert als plausible Fortsetzung die blutige, von Gewalt geprägte Her-kunft sgeschichte zweier schwer traumatisierter Menschen. Zudem betont die Regisseurin so einmal mehr kritisch die Parallelen zwischen den ach so kultivierten Griechen und den vermeintlich "barbarischen" Taurern. Robert Augustin ist überzeugend in seiner Verletztheit wie im Verzicht, in der gefühlten Ungerechtigkeit ob der Opfer, die er im Namen der Menschlichkeit bringt. Stephan Clemens als temperamentvoller Pylades und Jürgen Roth als königstreuer Arkas komplettieren das starke Quintett.

Am Ende steht Iphigenie vor dem eisernen Vorhang. "Ohne Hoffnung und Verzweiflung." Allein. Weil sie an die Utopie der Humanität, die Goethe als Lösung anbietet, nicht glauben kann, lässt Tatjana Rese Ewa Rataj mit einer Sequenz aus Volker Brauns Bearbeitung des Stoffs schließen: "Ich bin Iphigenie / Und lebe dieses unlösbare Leben / Mit meinem Leib und meiner eignen Lust." Kein Happy End für Iphigenie. 

Lippische Landes-Zeitung 

 

Mit viel Engagement und neuen Ideen befreiten die Detmolder das berühmte Antikendrama vom Staub der Jahrhunderte, ohne die wortgewaltige Sprache des Dichterfürsten anzutasten. 

[...]Ausgenommen vom Text, haben die Detmolder unter der Regie von Tatjana Rese ihre Tragödie ganz konsequent in die Jetzt-Zeit gehoben. Die eigenwillige, aber moderne Fassung verleiht dem antiken Stück noch zeitlosen Schwung. Schlicht, karg und düster wirkt das Bühnenbild in Bad Driburg mit der schiefen Ebene aus Wellblech und den verrosteten Ölfässern. Die Hauptfigur [...] zeigt sich nicht als Priesterin im langen Gewand, sondern als hübsche Frau im kleinen Schwarzen mit Perlenkette und schwarzen Stiefeln. Ihr Bruder Orest, der von Furien Verfolgte (Markus Hottgenroth), und sein Freund Pyklades (locker und erfrischend: Stephan Clemens) stranden nicht als Seefahrer, sondern als Fallschirmjäger im Kampfanzug auf Tauris, wo jeder Fremde der Göttin Diana geopfert wird. Und der um Iphigenie werbende König Thoas (cool: Robert Augustin) tritt als Macho im Businessanzug auf und will schließlich die Flucht der Griechen mit der Diana-Statue in Soldatenkluft vereiteln. [...] Wie Goethe in seinem Drama auch, verlegt das Landestheater die Konflikte ganz ins Seelische. Iphigenie bleibt Opfer, erweist sich als eine zur Lüge unfähige, reine Priesterin, stets innerlich aufgerieben zwischen Sehnsucht, Liebe, Angst, Solidarität und stets "das Land der Griechen mit der Seele suchend". Ewa Rataj zeichnet ihre Figur als einsame Getriebene, die es nicht fertig bringt, König Thoas zu hintergehen. [...]

 

Bad Driburger Kurier

 

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Besetzung

Regie
Tatjana Rese

Ausstattung
Petra Mollérus

Dramaturgie
Christian Katzschmann

 

Iphigenie
Ewa Rataj

Thoas, König der Taurer
Robert Andrej Augustin

Orest
Markus Hottgenroth

Pylades
Stephan Clemens

Arkades
Jürgen Roth

 

Regieassistenz
Anna Drechsler

Soufflage
Lydia Voigt

Inspizienz
Elke Wittek

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