Landestheater Detmold

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Die Ratten

Premiere 10.02.2012

Die junge mittellose Pauline Piperkarcka ist schwanger. Ihr Freund hat sie verlassen, in ihrer Verzweiflung denkt sie an Selbstmord. Frau John, die ein Kind verloren und keine Hoffnung auf ein weiteres hat, schlägt ihr ein Geschäft vor: Sie kauft Pauline das ungewollte Kind ab und gibt es als ihr eigenes aus. Die heimliche Geburt findet auf dem Dachboden eines Mietshauses statt, wo der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter seinen Kostümfundus eingerichtet hat und seine Familie mit privatem Schauspielunterricht über Wasser hält. Während dort also die Kunst der gespielten Tragödie gelehrt wird, setzt Frau John an diesem Ort eine echte Tragödie in Gang. Denn als Pauline der Handel reut und sie ihr Kind zurückfordert, tauscht Frau John es gegen den todkranken Säugling ihrer Nachbarin aus und hetzt ihren kriminellen Bruder auf Pauline, um dieser Angst einzujagen...

In seiner 1910 entstandenen "Berliner Tragikomödie" zeigt Gerhart Hauptmann die Nivellierung der sozialen Schichten in Krisenzeiten: Die Unterschiede zwischen dem gesellschaftlichen Oben und Unten werden nichtig, wenn alle zwangsweise um die Sicherung ihrer Familien kämpfen. 

Inszenierung: Tatjana Rese

 

Einführungsmatinee: Sonntag, 5. Februar 2012, 11.30 Uhr, Rathaus Detmold

 

Vis-à-vis: Sonntag, 18. März 2012, 10.00 Uhr, 

Ev.-ref. Christuskirche, Paulinenstr. Detmold, 

Superintendentin Claudia Ostarek

Kritiken

Willkommen am Rande der Gesellschaft: Dort hat Gerhart Hauptmann 1910 sein Stück "Die Ratten" angesiedelt. Jetzt erlebte es eine düstere, insgesamt schlüssige Premiere im Landestheater. 

Der Dachboden einer Berliner Mietskaserne wird zum Ort des inneren und äußeren Aufruhrs, der echten und der inszenierten Tragödie. Hier hält sich der abgehalfterte Theaterdirektor Hassenreuter mit Schauspielunterricht über Wasser, diskutiert mit Schülern darüber, was einen tragischen Bühnenhelden ausmacht. Auf keinen Fall, das steht für den Direktor felsenfest, eignet sich eine Frau John zur tragischen Figur: die Putzfrau, die um ein verlorenes Kind trauert und sich in ihrer Verzweiflung das unerwünschte Baby der Polin Piperkarcka unter den Nagel reißt. Das Kind, das hier auf dem Dachboden zur Welt kommt. Das Kind, um das im Verlauf des Stückes ein Mütter-Konflikt entbrennen soll... 

Regisseurin Tatjana Rese entscheidet sich gegen eine räumliche Trennung der Ebenen [...]. Von Anfang an lässt sie die Angehörigen beider Welten im "Rattennest" des schmuddeligen Dachbodens durcheinanderwuseln. Fast beiläufig treten sie zwischen den Streifen aus Plastikplanen hervor, mit denen Ausstatterin Pia Wessels die Bühne verhängt hat, ebenso beiläufig verschwinden sie nach ihrem Auftritt wieder zwischen dem Planen. Fließende Übergänge mit jeweils viel huschender Bewegung, Knistern und Rascheln im Hintergrund; flexible Wände, die nur scheinbar Schutz und Privatsphäre bieten - irgendwo lauscht immer jemand - machen die Lesart des Regie-Teams deutlich: So groß sind die Unterschiede zwischen den zwei Welten nicht, hier strampeln sie alle ums Überleben. 

Zum Grinsen Komisches wechselt - ganz, wie Hauptmann das angelegt hat - mit beklemmenden Momenten. Tatjana Rese greift nur gelegentlich sanft kommentierend ein, bietet Verweise zum Heute an, indem sie den von Hauptmann erwähnten Gesangverein zum Leben erweckt, ihn Volkslieder, aber auch Passagen aus "Böhse Onkelz"-Songs intonieren lässt. [...] Wenn das ganze Ensemble zur Klavierbegleitung von Ute Haußner-Unger den melancholischen "Comedian Harmonists"-Titel "Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück" anstimmt, bringt das einen süßlichen Ton ins Geschehen, den die Textvorlage mit ihrem Sinn für sarkastische Wendungen nicht hergibt. 

Ein Riesen-Lob geht an die Schauspieler-Riege, die eine großartige Leistung zeigt. Allen voran Ewa Rataj, die sich in der Rolle der Frau John verausgabt. Ratajs intensives Spiel lässt die Zuschauer die Verzweiflung dieser Frau fast körperlich spüren. Stark präsentieren sich Anna Katharina Schwabroh als Pauline Piperkarcka und Friederike Ziegler als morphiumsüchtige Nachbarin. Joachim Ruczynski und Jürgen Roth glänzen als komische Schauspiel-Eleven. Und Markus Hottgenroth überzeugt als gesetzter Theaterdirektor mit herablassender "Hoppla, jetzt kommt Hassenreuter"-Attitüde. Der zum bitteren Ende - dann, wenn Ausstatterin Pia Wessels ihre Plastikplanen-Wände gelüftet hat, mühsam aufrecht erhaltene Fassaden einstürzen und die Masken fallen - eilfertig bereit ist, auch den "niederen Ständen" ihre "tragischen Verhängnisse" zuzuerkennen.

 

Lippische Landes-Zeitung

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Besetzung

Regie
Tatjana Rese

Ausstattung
Pia Wessels

Dramaturgie
Christian Katzschmann

Musikalische Leitung
Ute Haußner-Unger

 

Harro Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor
Markus Hottgenroth

Walburga, seine Tochter
Jenny-Ellen Riemann

Pastor Spitta, Vater von Erich Spitta
Jörg Miethe

Erich Spitta, Kandidat der Theologie, sein Sohn
Robert Andrej Augustin

Käferstein, Schüler Hassenreuters
Joachim Ruczynski

Dr. Kegel, Schüler Hassenreuters
Jürgen Roth

Herr John, Maurerpolier
Stephan Clemens

Frau John, seine Frau, Putzkraft bei Hassenreuter
Ewa Rataj

Bruno Mechelke, ihr Bruder
Martin Krah

Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen
Anna Katharina Schwabroh

Frau Sidonie Knobbe
Friederike Ziegler

Selma, ihre Tochter
Melanie Tóth

Quaquaro, Hausmeister
Philipp Baumgarten

 

Regieassistenz
Anna Drechsler

Inspizienz
Elke Wittek

Soufflage
Lydia Voigt

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