Einfach nur Zucker
Publikum feiert Premieren-Vorstellung des Musicals "Sugar" im Detmolder Landestheater
Da werden graziöse Ballett-Tänzer zu tolpatschigen Mafia-Mördern, die Sopranistin fürs ernste Fach zur despotischen Chefin einer Damenkapelle, und zwei männliche Schauspieler mutieren nicht nur zu Damen, sondern stemmen zudem beachtliche Gesangsrollen: Willkommen in der verkehrten Welt des Musicals "Sugar". "Sugar", dessen Premiere am Samstag im Landestheater stürmisch gefeiert wurde, ist per se eine Verwechslungskomödie: Auf der Flucht vor einem rachsüchtigen Gangster-Quartett heuern die Musiker Jerry und Joe inkognito in einem Damen-orchester an: Aus Bassist Jerry wird die flotte Daphne, aus Saxophonist Joe wird Josephine. Regisseur Klaus Seiffert treibt dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel nun konsequent auf die Spitze, in dem er die Partien - natürlich mit Bedacht, aber doch bunt gemischt - quer durch die Sparten besetzt. Gerade fürs Detmolder Stammpublikum ergibt sich so ein spezieller Charme, da sich vertraute Ensemblemitglieder hier von ganz neuen Seiten erleben lassen. Wer hätte gedacht, dass Jan Felski als "Nymphe" Daphne mit kokettem Augenklimpern einen solchen Schlag bei den Herren, insbesondere nicht mehr ganz jungen Millionären (köstlich: Michael Klein) hat? Und Markus Hottgenroth empfiehlt sich in der Rolle der liebreizenden Josephine als beste Freundin für jede Frau. Und so wenig echte Weiblichkeit in Dahpne und Josephine stecken mag - ihre Gesangssequenzen meistern die beiden Schauspieler, etwa im Duett "Alles nur für Sugar", auf gutem Musical-Niveau. Apropos Sugar: Darstellerin Katja Uhlig aus Berlin ist der einzige Musical-Profi auf der Bühne. Sie glänzt stimmlich, tänzerisch, im großen Finale auch steppend - und ist generell einfach nur Zucker. Ganz reizend auch die paritätisch aus Tänzerinnen und Sängerinnen besetzte Damenkapelle unter ihrer Ehrfurcht gebietenden Dirigentin Sweet Sue alias Brigitte Bauma. Die Herren des Chores machen sowohl als arbeitssuchende Musiker als auch als tatterige Millionäre eine gute Figur - beim angejahrten Millionärsballett (von Richard Lowe ebenso stimmig choreografiert wie das große Finale) erhalten sie Verstärkung durch die Tänzer, die ansonsten göttlich tölpelig hinter Mafia-Boss Gamasche (Wolfgang Müller) her schlurfen. Und wieder mal ein dickes Lob ans Orchester des Landestheaters, das die Produktion flott und mit viel Verve begleitet. Diesmal unter der Leitung von Chordirektor Felix Lemke lassen die Musiker den zuweilen strahlenden, zuweilen schön schrägen Sound alter Broadway-Shows lebendig werden. Im Show-Business und Gangster-Milieu der 1920er Jahre sind auch die kecken, bunten Kostüme von Petra Mollérus angesiedelt. Ihr Bühnenbild wird den häufig wechselnden Szenerien mithilfe mobiler und stets flexibel umzugestaltender Podeste gerecht. Seiffert scheut vor Klamauk-Einlagen nicht zurück, hält seine Inszenierung aber generell leichtfüßig. Ein schöner, heiterer Musical-Abend, der im schwungvollen "Manche mögens heiß"-Finale seinen Höhepunkt findet und an dessen Ende - natürlich - die große Liebe siegt.
(Lippische Landeszeitung, 23.2.2009)
Musikalische Leitung: Felix Lemke
Inszenierung: Klaus Seiffert
Choreografie: Richard Lowe
Ausstattung: Petra Mollérus
Chor: Felix Lemke
Sweet Sue: Brigitte Bauma/ Silke Dubilier
Sugar Kane: Ute Henryke Büttner / Katja Uhlig
Bienstock: Andreas Jören/ Joachim Goltz / Joachim Ruczynski
Joe (Josephine): Markus Hottgenroth
Jerry (Daphne): Jan Felski
Gamasche: Wolfgang Müller/ Wolfgang von der Burg
Pedro: Adonai Luna
Sir Osgood Fielding/ Inspektor/Impressario: Michael Klein
Poliakoff/ Taxifahrer: Michael Nack
Mozzarella/ Zahnstochercharlie: Klaus Belzer
1. Gangster/ Schaffner: Torsten Lück
Rosella: Gisela Fontarnau i Galea
Rita: Charline Dujardin
Debora: Mireia Facal
Mary Lou: Caroline Lusken
Dolores: Esther Mertel
Olga: Anne Baumgarte