Oper |

Silbrig schwebend und traumhaft schön

Der Bühnen- und Kostümbildner Michael Heinrich berichtet im Gespräch über seine Arbeit an Hans Werner Henzes „Elegie für junge Liebende“, die in einer Inszenierung von Kay Metzger am 29. April in Gütersloh Premiere feiern und ab 5. Mai am Landestheater zu sehen sein wird.

 

 

Hans Werner Henzes dreiaktige, 1961 in Schwetzingen uraufgeführte Oper „Elegie für junge Liebende“ dreht sich um eine zentrale Figur: den Dichter Gregor Mittenhofer, der die Menschen, die ihn umgeben skrupellos als Inspirationsquelle für seine Arbeiten ausbeutet. Das zeigt sich auch bei seinem neuesten Werk, einer Elegie mit dem Titel „Die jungen Liebenden“. Dabei kommen ihm die beiden Verliebten Toni und Elisabeth gerade gelegen. Aus Eigeninteresse und künstlerischer Egomanie stellt Mittenhofer die beiden vor die lebensgefährliche Aufgabe, eine Bergblume vom Hammerhorn zu pflücken. Durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Klangfarben, der Konzentration auf wenige Charaktere und der Bergwelt als Ort extremer psychologischer Gegebenheiten entsteht in Henzes Oper eine einzigartige Atmosphäre zwischen Schönheit und Kälte.

 

Der Bühnen- und Kostümbildner Michael Heinrich berichtet im Gespräch über seine Arbeit an Hans Werner Henzes „Elegie für junge Liebende“, die in einer Inszenierung von Kay Metzger am 29. April in Gütersloh Premiere feiern und ab 5. Mai am Landestheater zu sehen sein wird.

 

Wie haben Sie sich zu Beginn diesem Stoff genähert?

 

Den besten Eindruck zu Struktur, Inhalt und Atmosphäre des Werkes gibt mir stets das Hören der Oper bei parallelem Lesen des Librettos. Auch wenn für den Zuschauer der Text beim Musiktheatererlebnis vielleicht eher durch die Ästhetik der Musik, der Figurenbewegung und des atmosphärischen Raumes an den Rand gedrängt ist, stellenweise sogar unverständlich ist, steht der Text des Librettos und die gestalterischen Ableitungen daraus für mich als Grundlage der Figurenpsychologie zusammen mit der Musik an erster Stelle.

 

Welche Aspekte bzw. Thematiken haben Sie daran am meisten interessiert und welche haben Sie in Ihrem Bühnen- und Kostümbild sichtbar aufgegriffen?

 

Ich war zunächst überrascht und begeistert über die Ähnlichkeit des Textes mit naturalistischen Dramen, über den Detailreichtum der verbalen Kommunikation und über die Schlüssigkeit der dramaturgischen Konstruktion. Henzes Musik wiederum, die ich teils als sehr scharfgeschliffen und jäh, teils als silbrig schwebend wahrgenommen habe, nimmt nicht nur in vielen Details, sondern auch gesamtatmosphärisch engen Bezug zum Topos Vereisung/Gletscher, aber auch zur unheilschwangeren Mehrschichtigkeit vieler Dialoge. Das psychologische Grundmotiv schien mir, die Dialektik des blühenden, jugendfrischen und arglosen Lebens einerseits und der verdorrten, ja geradezu pathologischen Egomanie andererseits zu sein, die dieses Leben verrät, benutzt, sich einverleibt und gleichzeitig tötet. Diese Dialektik ist im Bühnenbild durch das Zerbrochensein der menschlichen Behausung und ihres Ausgeliefertseins an die schöne, doch gnadenlose und kalte Übermenschlichkeit der Bergwelt visuell codiert.

 

Wie geht die Ausstattung auf die einzelnen Figuren ein?

 

Das Bühnenbild nimmt zunächst Bezug auf dialektische Grundgestalten der Dynamik des gesamten Figurengeflechts, insbesondere auf das Verhältnis Innen/Außen sowie Wärme/Kälte, und zwar beides sowohl topologisch als auch psychologisch gedeutet. Den konkretesten Bezug zu einer Einzelfigur stellt vielleicht das Adlermotiv auf der stehengebliebenen Wanduhr und im Oberlicht der Eingangstür dar: Es ist Symbol des Herrschaftsanspruches der Hauptfigur Mittenhofer, dessen Wille selbst über Zeit, Leben und Tod gebieten möchte.

 

Wie entstand aus der Zusammenarbeit mit der Regie, in diesem Fall Kay Metzger, das Grundkonzept für Bühne und Kostüm?

 

Herr Metzger und ich entwickeln zunächst gemeinsam eine Sichtweise zu den Figurenpsychologien und den situativen Hauptentwicklungen, die sich durch die psychischen Dynamiken der Figuren ergeben. Die dazu passende ästhetische Semantik entsteht dann meist wie von selbst, wird in der Folge atmosphärisch und symbolisch angereichert und präzisiert und funktional angepasst. Ich erlebe die Zusammenarbeit mit Herrn Metzger stets als einen höchst inspirierenden Dialog, der von Leichtigkeit, Tiefe und gegenseitigem Verständnis gleichermaßen geprägt ist.

 

Welche Herausforderungen haben sich Ihnen in der Entwicklung des Bühnenbilds bzw. Kostümbilds gestellt?

 

Die spezifische Herausforderung für mich war bei diesem Stück, nicht in die Falle des Naturalismus zu gehen und den Anweisungen des Librettos brav zu folgen. Vielmehr wollte ich einerseits behutsam diesen Naturalismus bedienen, ihn aber andererseits verdichtend überhöhen, um ihn durch die gewonnene Symbolhaftigkeit auch zu einem psychischen Raum zu machen. So gingen dem endgültigen Entwurf illustrativ-naturalistische Vorentwürfe voraus, die dann „erwachsen“ geworden sind.

 

Welche Atmosphäre wollen Sie mit Ihrem Bühnenbild schaffen?

 

Die surreale Vermischung von eigentlich realem Innenraum und ebensolchem Außenraum soll eine traumartige Enthobenheit des Geschehens erzeugen, die den Raum als Ganzes letztlich von der Funktion einer naturalistischen Abbildung löst und den Betrachter zu einem schwebend-beobachtenden Träumenden macht. Im Traum vermischen sich reale Milieus und decken dadurch häufig verborgene, psychische Bedeutungsverwandtschaften zwischen realen Erscheinungen auf. Und: Bei aller Zwiespältigkeit des im Stück vorgeführten Schönheitsbegriffs und der Opfer, die ihm gebracht werden, soll der Zuschauer genau diese Schönheit auch sehen können und damit den Zwiespalt zwischen Schönheit und Kälte als Frage mit nach Hause nehmen.

 

Das Gespräch führte Andreea Geletu.

 

In Kooperation mit dem Theater Gütersloh 

 

Musikalische Leitung: Lutz Rademacher

Inszenierung: Kay Metzger

Ausstattung: Michael Heinrich

 

Mit: Eva Bernard, Katharina von Bülow, Stephen Chambers, Andreas Jören, Kirsten Labonte, Robert Oschmann, Michael Zehe / Symphonisches Orchester und Statisterie des Landestheaters Detmold


Einführungsmatinee: Sonntag, 23. April 2017, 11.30 Uhr, Ressource, Allee 11

 

Premieren:

Samstag, 29. April 2017, 19.30 Uhr, Theater Gütersloh
Freitag, 5. Mai 2017, 19.30 Uhr, Landestheater

 

Vorstellungen: Do, 11.5./ Fr, 9.6.2017