Theater Schauspiel |

Rein in mein Haifischbecken!

Zeitgenössische Dramatikerinnen in Detmold

Theresia Walser, Felicia Zeller, Kathrin Röggla, Sibylle Berg, Henriette Dushe – die Theaterwelt kann sich über einige sehr erfolgreiche Dramatikerinnen freuen! Noch vor 30 Jahren war die Zahl weiblicher Autorinnen deutlich geringer: Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin Anke Roeder brachte 1989 eine Publikation mit dem Titel "Autorinnen: Herausforderungen an das Theater" heraus. Auch wenn sich inzwischen kaum ein Theater mehr vor den Begriffen "Feminismus" und "Gleichstellung" scheut und bereits vom "Postfeminismus" die Rede ist – so zeichnen die Spielpläne der deutschsprachigen Theater ein anderes Bild: Noch immer überwiegt die Anzahl von Uraufführungen männlicher Kollegen deutlich.

In den letzten Jahren war auf dem Detmolder Spielplan mindestens ein zeitgenössisches Stück einer weiblichen Autorin vertreten: Zum Beispiel die Uraufführung der Grabbe-Preis-Gewinnerin Henriette Dushe‘ "In einem dichten Birkenwald, Nebel" (2015/16), Felicia Zellers "X-Freunde" (2016/17) und in dieser Spielzeit Laura Naumanns Zeitgeist-Komödie "Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken" in der Regie von Charlotte Van Kerckhoven im Grabbe-Haus.

Die diesjährige Autorin ist ein wahres "Jungtalent": Laura Naumann ist 1989 geboren, studierte an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und war mehrfach Preisträgerin beim "Treffen Junger Autoren" der Berliner Festspiele. Es folgten Stipendien, Einladungen zu Literaturfestivals und wichtige Auszeichnungen; sie war Mitglied der Performancegruppe machina eX und ist derzeit Teil des Theaterkollektivs Henrike Iglesias.

Mit dem Stück "Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken" erzählt Laura Naumann von drei Menschen, denen die Lebensfreude abhandengekommen ist: Moana ist das, was man einen Workaholic nennen würde. Sie arbeitet im 24/7-Rhythmus für ein zwielichtiges Consulting-Unternehmen, immer mit Blick auf die nächste Sprosse der Karriereleiter. Ihre Single-Mutter Christiane zweifelt langsam aber sicher nicht nur an den Männern in ihrem Leben, sondern auch an dem eigentlichen Aufklärungsauftrag ihres Jobs als Nachrichtensprecherin. Ob man mit "Hauptsätze vorlesen" die Welt verändern kann?


Boris, Moanas Freund, leidet unter den beiden burnoutgefährdeten Frauen und all den anderen karrieregeilen Kosmopoliten dieser Welt. Also tut er, was er als Steward am Besten kann: Er sorgt für ihr Wohlbefinden. Beruf oder Berufung? Doch dann passiert, was passieren muss: Moana bricht sich beide Arme und Christiane bekommt live auf Sendung einen hysterischen Anfall. Das wackelige Konstrukt aus Imperativen ("Ich muss mich selbst verwirklichen!") kann beim besten Willen nicht mehr aufrechterhalten werden. Sie sind am Tiefpunkt angelangt, völlig hilflos und wissen einfach nicht mehr, was zu tun ist. Aber dann begegnen sie einem Wesen, das plötzlich neue Möglichkeiten eröffnet und doch alle Fragen offen lässt. Angefangen bei der Frage, ob es sich bei Nikita um einen Mann oder eine Frau handelt. Doch am Ende ist allen klar: Eigentlich ist es doch völlig egal von welchem Geschlecht man aus einer tiefen Lebenskrise gerettet wird, oder?


Marie Johannsen