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Die Apokalypse nach Dürrenmatt: UNSERE WELT ALS „DURCHEINANDERTAL“

Schon wieder die GroKo, Trump ist immer noch Präsident und hat, umgeben von einer Schar geschäftstüchtig zynischer Milliardäre, die Hand auf einem noch größeren roten Atom-Knopf als andere Narzissten, ein Ex-Ministerpräsident im Süden unseres Landes war, wie sich unlängst herausstellte, oftmals zu Gast in einem Mafia-Lokal und per Du mit dem „Chef“ des Etablissements, das beschauliche Detmold am Rande des Teutoburger Waldes, über den vor kurzem „Friederike“ in Orkanstärke hinwegfegte und jahrhundertalte fürstliche Schlosspark-Bäume entwurzelte, beherbergte doch tatsächlich eine jener unheimlichen IS-Scherginnen, die von hier aus auf Gräueltour in den Nahen Osten aufbrachen, während pyramidenhafte Prestige-Bauprojekte in Provinz und Hauptstadt kostenintensiv vor sich hindümpeln und gleichzeitig die Insekten massenhaft sterben…

Wer will, kann an jedem dieser Anzeichen und allen insgesamt erkennen, dass die Welt im Großen wie im Kleinen wieder einmal knapp vor der Apokalypse steht oder auf den Hund gekommen ist, ganz so, wie es Friedrich Dürrenmatt bereits 1989 vorhergesagt hatte. In dessen letztem Roman „Durcheinandertal“ wird der Hund eines Beamten zum Streitobjekt und Anlass, das peinliche und schändliche Treiben unserer Spezies und die (bei entsprechender Welt-Anschauung wahrgenommene) immense Fehlplanung eines undurchsichtigen Schöpfers in den Blick zu nehmen. Als Humorist der klugen Art stellt Dürrenmatt ultimativ klar, dass der Mensch bei aller behaupteten Rationalität und Intelligenz nicht nur keinerlei Übersicht hat, was seine Existenz und die Welt an- und umtreibt, sondern er das irdische Unheil permanent befördert, auch wenn er das Gegenteil behauptet. Wenn in seinem Roman etwa ein gewisser Moses Melker als Laienprediger und Sektengründer einerseits die Reichsten der Reichen durch eine Einübung im Verzicht vom schamlosen Gewinnstreben kurieren will, wird dieses Streben andererseits sofort konterkariert durch die Perversionen Melkers, derer er selbst nicht Herr wird. Ebenso zwiespältig ist der Ort des Geschehens: Das Kurhaus im „Durcheinandertal“, in dem zur Sommerszeit Bankiers und Millionärsgattinnen ihren Armutskurs absolvieren, dient im Winter einem internationalen Verbrechersyndikat als Versteck, so lange zumindest, bis einer der sich dort verbergenden Killer die jugendliche Elsi, die Tochter des ortsansässigen Bürgermeisters, vergewaltigt, während der Tat aber von dessen Hund in den Hintern gebissen wird. Dass den Bürgermeister weniger die missbrauchte Tochter beschäftigt als die Sorge um den Hund, der auf Befehl der übergeordneten Behörde erschossen werden soll, ist nur ein weiteres Detail, das die von Dürrenmatt gezeichnete Welt sinnbildlich als eine verkommene ausweist. Und wer ist für dies Übel hienieden verantwortlich?

Wir selbst oder doch vollends und allein der sogenannte „Große Alte“ (mit oder ohne Bart) samt Stellvertretern und Gegenspielern, den wir uns (je nach Überzeugung oder Verblendung) als Gott, Verbrecherclanchef, Hyperkapitalisten oder alles in einem vorstellen können? Wie bei vielem anderen, das wir nicht zu beantworten vermögen, tappen wir auch da im Ungewissen, und auf diesen Wirrwarr der Existenz und Existenzbegründung stößt uns Dürrenmatt mit der Vielfalt famos grotesker Figuren und Szenen seines Textes: Unser Leben ist eine „sowohl durcheinander- als auch durchgehende Geschichte“, bei der „sich eines aus dem anderen und durch das andere entwickelt“, und zugleich doch in unserer Wahrnehmung „ein Bündel von Geschichten ohne Zusammenhang“, bei dem keiner „weiß, wem was gehört und wer mit wem spielt und wer die Karten gemischt hat“, wir also „nicht einmal sicher“ sein können, „ob wir uns überhaupt noch gehören“ oder alles, Welt und unser Dasein, lediglich läppischer „Grund des Gelächters“

ist „in einem Hintergedanken“ eines bösen Demiurgen.

Dürrenmatts Vision stieß 1989 bei prominenten Klugschwätzern der Kritikerzunft auf Unverständnis, doch wenn man heute über die Grenzen der Bücherwelt in die reale schaut, haben sich die Zustände der tatsächlichen Welt jenen im literarischen Durcheinandertal durchaus noch weiter angenähert und sind von der in Dürrenmatts Werk stets eingerechneten „schlimmstmöglichen Wendung“ nicht allzu weit entfernt.

Wenn Sie sich als Zuschauer darauf einlassen, den schlimmstmöglichen Weltzustand mit den Augen eines satirischen Apokalyptikers zu betrachten, dann bietet sich Ihnen im „Durcheinandertal“ ein verwirrendes, aber auch überaus erhellendes Panorama. Und sollten Sie die Zeichen der Zeit entsprechend deuten, können Sie auch seiner Perspektive etwas abgewinnen, dass alles verdientermaßen in Flammen aufgeht, fast alles, denn ganz ohne utopische Perspektive kommt selbst Dürrenmatt nicht aus.

Christian Katzschmann

 

 

DURCHEINANDERTAL

SCHAUSPIEL NACH DEM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON FRIEDRICH DÜRRENMATT

Inszenierung: Ron Zimmering

Buhne und Kostüme: Mathias Rümmler

Musik: Tonio Geugelin

Mit: Kathrin Berg, Hubertus Brandt, Tonio Geugelin, Hartmut Jonas, Henry Klinder, Kerstin Klinder, Jürgen Roth, Lukas Schrenk, Jorida Sorra, Holger Teßmann, Adrian Thomser

 

 

PREMIERE: Freitag, 16. Marz 2018, 19.30 Uhr, Landestheater