Oper |

Der Fantasie Raum geben

Die Märchenoper "Hänsel und Gretel" in einer Neuinszenierung von Guta G. N. Rau

 

Ursprünglich für eine Aufführung im Rahmen einer privaten Geburtstagsfeier gedacht, bat Adelheid Wette ihren älteren Bruder, den noch wenig bekannten Komponisten Engelbert Humperdinck (1854-1921), um einige Musikstücke zu einem "Kinderstuben-Weihfestspiel". Die dabei entstandenen Lieder, darunter das später populär gewordene "Brüderchen, komm, tanz mit mir", fanden im Kreise der Familie derart begeisterte Aufnahme, dass Adelheid Wette ihre Idee weiter entwickelte und das Textbuch zu einer Märchenoper frei nach den Brüdern Grimm verfasste.

Am Landestheater kommt das Werk am 20. Oktober 2017 in einer Neuinszenierung von Guta G. N. Rau auf die Bühne. Die Regisseurin ("Meine Schwester und ich", "Die kleine Zauberflöte", "Zarah 47") äußert sich im Gespräch mit Öffentlichkeitsreferent Jens Kowsky zu ihrer neuen Produktion.

Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" zählt zu den populärsten Opern im Repertoire. Auch in Detmold ist das Werk erst vor einigen Jahren aufgeführt worden, was macht diese Oper so beliebt?

Ja, das ist ein Stück, das man immer wieder gerne hören und anschauen kann. Das Interessante daran ist, dass die Musik so
harmlos klingt, weil sie voller volkstümlicher Melodien ist (die es ja zum Teil schon vorher gab). Aber es gibt auch welche, die wir erst durch Humperdinck gelernt haben, z.B. "Brüderchen, komm, tanz mit mir" oder der "Abendsegen". Mittlerweile sind diese Melodien zu Volksgut geworden; schon als Kind singt man sie. Doch obwohl die Musik harmlos klingt, ist sie sehr schwer: dicht komponiert, facettenreich und üppig orchestriert.

Was erwartet die Zuschauer auf der Bühne?

Die letzte Umsetzung dieser Oper am Landestheater war ja sehr modern; das wird bei meiner Inszenierung anders: Ich belasse die Handlung in einer undefinierten Märchenzeit – ganz klassisch. Das zeigt sich schon beim Bühnenbild. Die Kulissen sehen aus, als ob jemand ein Haus, eine Wohnung gezeichnet hat. Auch der Wald ist gemalt und es gibt ausgeschnittene, auf die Bühne gestellte Büsche, hinter denen man sich verstecken kann. Das erinnert an alte Bilderbücher, bei denen man beim Umblättern etwas heraus klappen kann.

Was heißt es, auf der Bühne ein Märchen zu erzählen?

Ein Märchen ist ein Abenteuer. Da kann einem alles passieren, ohne dass man es extra motivieren muss. So treffen Hänsel und Gretel im Wald auf Gestalten, die ein bisschen "speziell" sind. Zum Beispiel das Sandmännchen – was macht es dort im Wald? Man weiß es nicht; es ist einfach da und fordert die Kinder auf zu schlafen. Man muss nicht erklären, warum das so ist. Das ist das Schöne an einem Märchen. Man kann der Fantasie Raum geben.

"Hänsel und Gretel" hat ein Happy-End. Wie sieht der Märchenschluss bei dir aus?

Ich finde das in anderen Inszenierungen komisch, dass niemand am Ende darauf eingeht, was mit den vielen Kindern passiert, die von Hänsel und Gretel im Wald erlöst werden: Das Geschwisterpaar wird zwar von Eltern abgeholt, aber was geschieht mit den anderen Kindern? Bleiben die da? Bei mir machen sich nicht nur Vater und Mutter der Titelfiguren auf den Weg in den Wald, sondern ein ganzer Suchtrupp, so dass am Ende alle ihre Kinder wiederfinden und es mehr Familienzusammenführungen gibt. Das Happy-End erscheint damit allgemeingültiger.

Anscheinend bist du mit Humperdincks "Hänsel und Gretel" sehr vertraut. Was bedeutet dir diese Oper?

Das ist ein Stück, das mich schon lange begleitet. Meine Oma war Opernsängerin und manchmal setzte sie sich an regnerischen Tagen ans Klavier, nahm irgendeinen Klavierauszug und fing an zu singen. "Hänsel und Gretel" war da sehr beliebt, weil wir Kinder das gut fanden. Diese Märchenoper kenne ich also schon lange. Assistiert habe ich bei "Hänsel und Gretel" dann zweimal: einmal in Hagen und dann hier in Detmold. Und jetzt kommt’s als Eigenproduktion.


Toi, toi, toi und herzlichen Dank fürs Gespräch.